Heute waren wir beim Don. Die Sache war gar nicht so einfach, wie wir angenommen hatten. Zum Glück hatten wir uns vorbereitet! Gestern noch hatten wir Ame Fined angerufen und sie ausgefragt, wie man einer Dame wie La Diva am besten schmeichelt. Nachdem sie ihren Lachanfall wieder beruhigt hatte und wir ihr glaubhaft versicherten konnten, dass wir wirklich mit La Diva in Kontakt getreten waren, gab sie uns gerne Auskunft. So eine Dame aus guten Kreisen ist keine einfache Angelegenheit. All die Sachen, die Mann machen muss, um sie zu beeindrucken. Die Liste war lang und wir hatten gar keine Lust, das alles umzusetzen. Das hätte ja Jahre gedauert. Also schauten wir uns im Internet nach anderen Methoden um. Da stiessen wir eine Seite, wo des langen und breiten erklärt wird, wie Mann die Frauen am besten verführt. Natürlich haben wir die Prämie (wenn auch happig) mit Freuden bezahlt. Das waren ja Tipps und Tricks, die wir auch in Zukunft verwenden werden können. Mit der Bezahlung der Gebühren haben wir auch unser Versprechen abgegeben, dass wir die Methode nicht einfach weitergeben, schliesslich sollen die, die sich für derartiges interessieren, die Gebühren auch bezahlen und zweitens, je weniger Männer all diese Geheimnisse kenne, umso weniger Konkurrenz ist unterwegs und für uns sind die Jagdgründe grösser. Wir hatten also heute beim Don angerufen und dem Sekretär kurz erklärt, wieso wir ihn sehen wollten. Der Sekretär wollte die Entscheidung nicht selber treffen und liess uns lange warten. Als er zurückkam, hatte er sehr gute Nachrichten. Heute Abend war ein Riesenball bei Don und wir waren eingeladen! Kleiderordnung: schwarzes Jackett weisses Hemd, Krawatte und geputzte schwarze Schuhe.
Irgendetwas ist schief gelaufen, als wir gerade ankamen, war da so ein Großer, der hatte `ne Liste und hiess uns, unten am Eingang, direkt nach der Pendeltüre die Mäntel entgegennehmen und wehe uns, wenn etwas mit den Garderobenummer durcheinander kam. Wir waren kurz überrascht und bevor wir etwas sagen konnten, kamen die ersten Gäste. „Bitte sagen sie uns, wo wir die Mäntel abgeben können?“ wurde ich gefragt. Ich nahm die Herrschaften in meine Obhut und führte sie zum Etagendiener, der da so rumstand. „Die Herrschaft möchte ihre Mäntel ablegen, bitte verwechseln sie die Garderobennummern nicht? Sie wären ja sicher nicht froh, wenn Sie die falschen Mäntel erhielten?“ wandet ich mich wieder an die Herrschaft. Der Dame hilf ich aus dem Mantel und übergab ihn an Giuseppe oder so. Somit meiner Arbeit entledigt, Delegation ohne Absprache der Handlungsbevollmächtigung ist ja der sichere Einzug von Amtsmissbrauch. Ich hoffte, dem Don gegenüber genügend Chuzpe zu haben, wenn es darum ging, dieses Sträußchen auszufechten. Ich versprach Giuseppe, dass ich ihm noch eine aus den oberen Etagen schicken werde. Und überhaupt, stell doch die Kleiderständer einfach in die Halle, dann können sich die Herrschaften selbst bedienen. Von dieser Idee angetan, machten Asy und ich eine Blitzaktion, die zwanzig Kleiderstangen waren schnell hingestellt und Giuseppe führte uns direkt in die Küche, nach der Arbeit soll der Magen ja nicht zu lange allein gelassen werden. Die Küche war knall-heiß, da dampften alle möglichen Zutaten, der Chef war voll am rotieren oder wie das heisst, wenn man einen Braten macht. Schnell führte uns Giuseppe, so hiess er wirklich brachte uns weiter zum Tisch der Angestellten und unterhielt sich kurz mit dem Sous-chef, dieser warf uns einen eindringlichen Blick zu, nickte kurz und ging hin…weg. Wahrscheinlich hatte er besseres zu tun, als uns anzusehen. Giuseppe schenkte uns einen sehr reinen Wein ein, Château Longue Baiser, milleneufcentsoixantetrois, la belle époque. Schon kam der Sous-chef wieder, diesmal hatte er einen Pagen am Arm, er zeigte auf uns und sprach auf den Jungen ein. Sofort kam der in Fahrt, in Windeseile hatten wir die schönsten Teller vor uns, die besten Gläser und was sonst noch die Tischkunst so zu bieten hat. Erster Gang, ein Süppchen, das ein leichten Hauch besten Balsamico und eine Grütze aus grüner Melone mit knusprigen Stückchen gebrannten Kakaos mischte. Der zweite Gang kam gleich nach dem ersten, alle weiteren waren noch besser. Der Käse vom feinsten, Cheddar mit 50 jährigem Single Malt aus Lloch dar Kavenagh. Wir wussten gar nicht, was da uns alle angetan wurde, die Menus wurden auf französisch serviert und da schmeckt es dann noch besser. Auch der Espresso, Jamaika blue mountain. Wir hatten kaum gegessen, da kam Narbe uns holen. Missmutig winkte er, ihm zu folgen. Überrascht, ihn bei einer solchen Verrichtung wieder zu treffen, folgten wir ihm. Über eine verwinkelte Treppe führte er uns ins grosse Raucherzimmer, wo der Don dabei war, Geschäfte zu erledigen. Die Narbe machte uns Zeichen, hier stehen zu bleiben. Während er zum Don hinging und ihm ein Zeichen machte. Dieser nickte nur und führte das Gespräch, in das er vertieft war noch schnell zu Ende. Sein Gesprächspartner ging mit einem hochroten Kopf davon, so freute er sich über die exquisite Zigarre, die ihm der Don ins Revers gesteckt hatte. Wenn man es sich leisten kann, dann ist es einfach, seine Bitstellte loszuwerden. Der Don kam auf uns zu. Dabei hatte er ein prüfendes Auge auf uns beiden. „Und die Mäntel?“
Ganz kalt lief es mir über den Rücken. Das half mir, ganz gerade hin zustehen und mit Respekt zu erwidern „ich zweifle keinen Moment daran, dass Ihr Haushalt in der Lage ist, solche alltäglichen Aufgaben mit Bravour zu erledigen.“
„Frech gebrüllt, junger Löwe.“ Sagte der Don, mit freundlicher Strenge.
„Ja, einfach miauen macht aus uns keinen Nachwuchs.“ Dabei blinzelte Asy zu. Dem war der Schreck zu Gesichte gefahren, aber unter seinem dunklen Teint konnte ich das wohl als einziger sehen.
„Sekt! Ich will mit diesen noch leichten Jungs anstossen. „ Er packte uns an den Schultern und drehte uns so, dass er sich zwischen uns stellte. Dabei flüsterte er uns zu: „Taschkent habt ihr ja fein geregelt, aber den Preis, den setze ich, verstanden?“ Fragend blickte er uns an.
„Ganz klar, aber Ihr Hinweis auf den Wert der Papiere im Hinblick auf den Wert der Beziehung liess uns eine grossen Spielraum.“
„Also Kids, das nächste Mal, will ich für Fragen, wie Preis und Konditionen vorher konsultiert werden.“
„Chef, lean management definiert nicht die Prozessschritte, an denen Entscheidungen von oben sanktioniert werden müssen, sondern es definiert die Regeln nach denen eine Entscheidung durch Subalterne getroffen werden darf. Sonst unterminiert Sie die Streberkaste, indem sie Sie mit Entscheidungsbedarf zudeckt und Sie nicht mehr sehen, wo sich wer die Backen stopft. Hamstern, das kann die Mittelschicht am besten. Vor allem: le blé d’autrui.“
Woher mir diese Sprüche kamen, aus welchem Heft der Managersünden ich hier zitiere, will ich hier nicht sagen, aber wenn mir der Autor ein Mail zukommen lässt, dann werde ich es gerne gegen ein kleines Autogramm hier einfliessen lassen.
Dem Don hatte es gefallen. Lachend schenkte er Champagner nach und wir waren voll im Geschäft.
„Bald. Bald“ sagte er. „ Ich bin sehr beschäftigt. Solche Empfänge sind wie Staatsempfang. Nur das die Kunden zu Teil auch allzu alltäglich sind.“
„Sobald Sie uns eingeweiht haben, werden wir Ihnen einen Teil der Arbeit abnehmen können.“
„Domani, alle tre. Ciao.“
Das ging ja alles noch besser als ich es mir gestern vorgestellt hatte. Mit keinem Wort hatte er bemängelt, dass wir in seinem Namen ein Konto führen. Einen sanften Rüffel wegen Amtsanmassung und das auch nur auf Nebenschauplätzen wie die Preisfindung. Asy war noch nicht soweit. Wir gingen in den Tanzsaal und ich erklärte ihm, wie das alles so schön zusammenpasste. Mit den Kumpels aus der Exekutive waren wir voll auf Draht, in der Küche kannte man uns, mit Guiseppe hatten wir einen echten Freund im Reich der Bediensteten und der Don wollte uns morgen schon wieder sehen. Einzige Sorge war wohl die Narbe. Und genau da sollte wir hingehen meinte Asy. Den brauchen wir noch, das ist der einzige, der es sich leisten kann, uns anders zu beurteilen als der Don. Asy hatte sicher recht, aber wer kam da auf engelhaften Tanzschritten daher?
La Diva.
Beschreiben soll sie doch jeder selber. La Diva ist nur ein einziger Typ Frau. Den erkennst Du sofort, wenn er dir über den Weg läuft und dann, kannst du dann noch diese Frau beschreiben? Wenn ja, dann ist sie noch nicht bei dir vorbeigekommen. Als ich sie wieder sah, brannten mir die Stellen, wo sie mich berührt hatte, glühende Kohle schürte mein Herz, das in stampfenden Dampf vorantrieb und nur pochte und pochte, schlug und zuckte. So ganz nüchtern betrachten kann man das gar nicht. Ich drehte mich erschrocken ab, sie ging direkt auf uns zu. Stammel und Zungenbruch, was werde ich ihr sagen, wenn sie mich anspricht? Wie magisch, zog es mir den Kopf hoch, meine Augen in ihre Augen und ich brauchte gar nichts zu sagen. Mit dem Zeigefinger winkte sie mich zu ihr heran. Dabei hatte sie ihren Arm in der Pose, in der eine Frau ihren Tänzer erwartet und da bin ich für fast alles zu haben. Foxtrott und Hilly-Billy ausgeschlossen. Mit der Verneigung des vollendeten Kavaliers, brachte ich mich in Stellung, die Hand zwei Zentimeter vor meinen Mund geführt und mit klopfenden Finger auf ihrem linken Schulterblatt den Takt verkündet. Sie nahm in sofort auf, das Vibrato in ihrem Leib begann zu oszillieren und mit gespanntem Widerstand liess sie mich an sie ran. Das ist genau dort, wo sich der Tanzpartner vom Hoppeltier unterscheidet, beide unter Spannung, jede Bewegung wird durch ihren Antagonisten, ihren Gegenmuskel getragen, womit eine Konzentrationsfläche entsteht, die einen sinnlichen Tanz erst ermöglicht. Ich finde in diesem Zusammenhang hat das Wort Spanner plötzlich eine ganz andere Qualität. Aber zurück aus den Gefilden von Meinungen, auch wenn es meine ist, braucht sie ja nicht so dar zu liegen.
Wir tanzten und tanzten, irgendwann lösten wir uns aus der sehr formalen Haltung des klassischen Tanzschrittes und ich liess meine Finger und Handballen im Rhythmus und der Melodie folgend über ihre leichte Garderobe säuseln. Ganz fein, mit klarer Betonung der Richtungswechsel, feinen Ausflügen in die Synkope. Es war als hätten wir schon immer zusammen getanzt. Jedem Fordern, jedem Widerstehen, jedem Anschmiegen, jedem Entzug fanden wir eine Ergänzung und dies immer schneller und schneller. Am Schluss hatten wir fast einen Knopf in den Fingern und lachend fielen wir uns in die Arme. Sie wollte wissen, ob ich Ballettes-Unterricht gehabt habe. Aber da musste ich sie enttäuschen, Amateur und das auch nur aus dem Fernkurs.
„Um so besser“, meinte sie.
Bald hatten wir heiss und wollte auch nicht immer die Mitte der Tanzfläche für uns allein. Eine Erfrischung war angesagt. Ich führte La Diva an den Stehtisch, wo Asy auf uns wartete. Er hatte in weiser Vorahnung eine Flasche Sprudelwein kommen lassen, der er soeben den Hals umdrehte. Ploppend sprang der Zapfen in die Kandelaber und liess die Kristalle klirren. Ein verlegenes Zucken Asys tat La Diva ab und griff mit Freude nach dem Glas, das er ihr einschenkte. Wir tranken uns zu, mussten tief Luft holen zwischen den Schlucken und der Abend war so angenehm am wachsen. Da sah ich den Narbigen, der am anderen Ende des Saales stand und hämisch grinste.
Sofort wurde mir klar. Ich war am Honigtopf des Herrn und voll dabei, darin kleben zu bleiben, auf dem besten Weg, den Haustieren vorgestellt zu werden. Sofort hatte ich mich in der Hand. Diesem närbischen Gehöhne werde ich nicht auf dem Leim gehen. Er hatte sich verraten, weil er sich zu sicher fühlte. Mein Hinweis auf die verletzte Sozialdistanz entlockte La Diva ein rauchiges Gurren. Sie hob mit ihrem Eventail mein Kinn hoch und sagte mit einem leichten Lispeln „à plus“.
Als wir um die Ecke waren, musste ich wieder mit Asy konzertieren. Er war auf den ganzen Linien nicht einverstanden und wollte, dass wir die Sache mit Närbchen in der Grube sofort klarstellten. Ich gab ihm wieder recht und ergo machten wir uns auf den Weg. Aber er war nicht mehr Tanzsaal. La Diva warf mir Kusshände zu und langweilte sich ganz offensichtlich, was ich mir vorstellen konnte, sie hatte den stellvertretenden Bürgermeister angeschnallt, da konnte ja nur sämige Langeweile aufkommen. Dieser Posten hatte es noch jedes Mal für Leute gegeben, deren Beitrag nur während des Wahlkampfes wichtig war, weil sie irgendwessen Wichtigtuer waren. Ich zwinkerte ihr zu. Sie schlenkerte die Hand, dass ihr Armreife klimperten und drehte mutig noch eine Runde.
„Giuseppe, wo ist der Narbige?“
Mit viel Kraft hielt er mir den Mund zu, schon fast schlagartig. „Sag das nie mehr! Du bist schneller Hackfleisch, als Du Dir vorstellen kannst. Du stellst die Zeremonie auf den Kopf, indem du am Empfang die Leute zur Selbstbedienung zwingst, dann die grosse Lippe beim Chef, tanzt mit der Frau vom Chef und spuckst grosse Töne über seinen Neffen? Madre mia, welche cojones. Denk nicht nur an die andere, denk auch an dich. Hier ist ein Haus voller Möglichkeiten und bis jetzt hast du noch nichts gesehen, aber stolpere nicht schon in der Etappe, die Front ist um einiges spannender, aber bis dahin musst du überleben. E grazie per la reorganisazione, das hat mir viel Arbeit erspart. Venite!“
Wir folgten ihm. Seine Abriss der Gegebenheiten war klar, präzise und auf den Punkt.
16.4.06
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