Die Visitenkarten hatten nicht den gewünschten Effekt. Es gelang mir nicht, eines der Girls dazu zu überreden, mit mir ein Glas Wein zu trinken oder sogar mich nach Hause zu begleiten. Aber das lag sicher daran, dass ich mir insgeheim Sorgen machte. Der mafiöse Typ, der im Fischverlad ’rumschlich, wollte mir nicht aus dem Sinn. Ich rief meinen Kumpel Pua S’son an und erfuhr so ziemlich alles über den „Besuch“ des Schlägers. Autotyp und, noch besser, die ersten drei Stellen des Kennzeichens. Damit konnte ich ohne weiteres die staatliche Auskunft bemühen und innert weniger Sekunden wusste ich, wo der Besitzer des Autos wohnte und wie er hiess. Beste Gegend, doch das war eigentlich schon aufgrund des Autos klar, aber der Name – so was wie der oberste Mäzen der Stadt. Reich wie Krösus. Der Fussballklub trug keine Werbung auf dem T-Shirt, sondern sein Familienwappen, die Kunstsammlung konnte sich jedes Jahr für einen zweistelligen Betrag neue Bilder kaufen, die Liste, was der Mann für die Stadt tat war ellenlang und sie hier aufzuzählen, ist zu aufwändig. Nun, mit meinen Angaben machte ich mich natürlich sofort auf die Socken. Ich wollte den Kerl sehen, der sich bemüht hatte, im Fischverlad rumszuspionieren. Sicher war es nicht der Don selbst, da hatte er sicher genug Schergen, die er aussenden konnte, um derartige Auskünfte einzuholen. Aus der Beschreibung von Pua S’son wusste ich, dass ich den Kerl sicher erkenne könne. Er hatte eine markante Narbe am rechten Ohr und sein Mittelfinger war ganz steif, so dass er anstelle einer Faust immer nur obszöne Zeichen machte. Ich nahm meine beste Ausrüstung mit. Ein Regenmantel, den man beidseitig tragen kann. Sehr praktisch, bei Beschattungen, ausser es hat mal wirklich geregnet, da wird es manchmal klamm, wenn man den Mantel dreht. Eine Paintball-Pistole, da ich mir immer noch keine echte Knarre beschaffen konnte. Meine Kontakte waren entweder im Knast, oder ausser Landes. Aber mit dem Geld für die Pässe werde ich mir sicher die SIG beschaffen können, deren Foto in meiner Wohnung hing. Zudem entlieh ich mir ein Mofa, die sind zwar nicht sehr schnell, aber in der Stadt sind sie alleweil einem Auto ebenbürtig und die wenigsten achten sich auf die Mopeds, da so viele unterwegs sind. Ich fuhr in die Nähe der Adresse des Don und stellte mein Moped hinter einen Busch. Zu Fuss ging ich den Rest des Weges bis zu Eingangstor. Schmiedeiserne Zurschaustellung von Macht und Vermögen. Der Stacheldraht war vergoldet und der Wachmann hatte eine Uniform. Ich stellte mich nicht unweit hinter einen Baum auf die Leeseite, der Wind der unsere Stadt ab und an heimsuchte war wieder einmal voll aufgedreht und richtete mich darauf ein, lange warten zu müssen, als plötzlich das Tor aufging und von hinter den Kurven ein starker Motor zu hören war. Gespannt brachte ich mich in Stellung und richtete meine Kamera auf das Tor. Leider war der Akku leer, das nächste Mal werde ich sicher daran denken, Ersatzbatterien mitzunehmen. Das Auto fuhr schon fast majestätisch aus dem Tor, als plötzlich ein Mottorad angefahren kam, das punktgenau vor der Limousine zu Fall kam. Die Frau, die das Motorrad fuhr blieb liegen und begann ziemlich laut zu schreien. Der Chauffeur bremste gekonnt und streifte das Motorrad nicht.. Die Türen des Autos sprangen auf und vier Personen steigen aus. Der Chauffeur, der Don, eine junge Lady, die ich von irgendwo kannte und der Typ mit der Narbe! Fast hätte ich ihn nicht erkannt, anscheinend war sein Finger wieder geheilt. Sie umringten die Frau, die am Boden lag und vor Schmerzen schrie. Der Chauffeur kniete sich zu ihr hin und versuchte festzustellen, was ihr fehlte. Er wollte ihr den Helm ausziehen. Da hielt es mich nicht mehr und ich stürzte mich auf die Gruppe zu, es ist doch wohl allen klar, dass man einem verunfallten Motorradfahrer den Helm nicht ausziehen soll – es hat irgendetwas mit einem möglichen Schädelbruch zu tun.
Als der Narbige mich so kommen sieht, griff er in seine Westentasche. Sicherlich, um eine Knarre zu ziehen! Ich werfe mich zur Seite, ziehe meinerseits meine Paintball-Pistole und schiesse im direkt zwischen die Augen. Er hat wohl geblinzelt, auf jeden Fall traf mein Schuss nicht sofort. Erst nach einer Schrecksekunde hörten wir einen wütenden Schrei aus dem Rhododendron auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Der Narbige steckte den Kamm, der er aus seiner Tasche gezogen hatte und mit dem er seine Schmalzlocke wieder in Ordnung bringen wollte hurtig zurück und rannte über die Strasse. In der Zwischenzeit hatte ich mich aufgerappelt und auf Zurufen des Chauffeurs meine „Knarre“ am Boden liegen gelassen. Er hatte eine Mauser spezial in der Hand, die er direkt auf mich gerichtet hatte. Die Lady am Boden hatte aufgehört zu schreien und blickte gespannt über die Strasse, wo Narben-Paul einen kleineren Mann am Kragen aus dem Gebüsch zog. Er hatte eine Kamera in der Hand, deren Objektiv gelb verschmiert war. Da hatte wohl meine Farbkugel direkt ins Objektiv getroffen. Er hatte auch ein blaues Auge. Paintball ist ja ein ungefährlicher Sport, wenn man von blauen Flecken absieht. Der Don hatte alles gesehen und als die Lage begriff, begann er laut zu lachen. Er kam auf mich zu und packte meine rechte Hand, die er schüttelte und schüttelte. Die Lady, mit der er unterwegs war, begann auch zu lachen und machte dem Narbigen ein Zeichen, als wolle sie etwas zerquetschen. Dieser hatte schneller begriffen als ich und nahm dem Reporter die Kamera aus der Hand und schlug sie genüsslich auf den Boden. Die Memorykarte nahm er raus uns zertrat sie wie einen Zigarettenstummel. Dann warf er die Kamera ins Gebüsch und trat dem Paparazzi weiderholtermassen in den Hintern. Dieser stiess jedes Mal einen spitzen Schrei aus und sobald er konnte, lief er davon, wie der Teufel, der Weihwasser getrunken hatte. Wir waren alle durch diese Szene absorbiert, dass wir gar nicht merkten, wie die Motorradfahrerin aufgestanden war, ihr Mottorad aufgerichtet hatte und mit aufbrüllendem Motor davonfuhr. Auf der Höhe des rennenden Paparazzi bremste sie scharf, dieser sprang auf den Sozius und in einer Schwade von verbranntem Zweitaktbenzin verschwanden die beiden. „Bravo, gut gemacht!“ sagte der Don zu mir. Weniger jovial meinte er zum Narbigen: „das nächste Mal suchst du dir einen besseren Moment, um deine Haare zu richten!“. Dieser schoss böse Blicke in meine Richtung, am liebsten wäre ich langsam durch die Hintertür davongeschlichen, aber die Szenerie gab das nicht her. Die Lady kam auf mich zu, blickte mir tief in die Augen und sagte: „Mein Held! Du hast mir eine Artikel in der Klatschpresse erspart.“ Daraufhin gab sie mir einen Kuss, auf den Mund. So süss und weich hatte mich noch nie eine Frau geküsst und siedendheiss fiel es mir ein, woher ich diese Dame kannte. Es war La Diva aus dem gleichnamigen Film, den ich vor kurzem gesehen hatte. Die schönste Frau im ganzen Okzident. Verdattert stand ich da. Ich, ein keines Würstchen aus der Detektivszene unserer Stadt wurde von La Diva mit einem Kuss (auf die Lippen!) geadelt. Wenn ich dann mal meine Memoiren schreibe… Das wird mir keiner meiner Kumpels glauben. Der Don kam auf mich zu und griff unter seine Weste. Ich wusste, dass meine letzte Stunde geschlagen hatte. Der Boss war für seine Eifersucht bekannt. Ich bedankte mich noch einmal beim Schicksal für den Kuss (auf die Lippen!) von La Diva stiess ein Stossgebet in den Himmel und bekreuzigte mich. Das ist ein altes Verhaltensmuster, das mir die Nonnen in der Erziehungsanstalt beigebracht hatten. Der Don reichte mir eine Visitenkarte und sagte: „Ich will sie kennen lernen! Sie haben uns einen grossen Dienst erwiesen und die ganze Welt weiss, dass Il Padrone ein sehr dankbarer Mann ist. Können wir Sie ein Stück mitnehmen?“ Dankend schüttelte ich den Kopf. Ich wollte weg, bloss weg. „Lass Dir seine Visitenkarte geben!“ ordnete der Don den Narbigen an, dabei führte er La Diva zurück ins Auto. Der Narbling kam auf mich zu. „Deine Karte!“ schnauzte er mich an. Ich gab ihm eine, die er las und dabei stutzig wurde. „Detektiv?“ Ich nickte. Ohne weiteren Kommentar ging er zum Auto und stieg ein. Ein leises Säuseln von 378 PS brachte den Wagen in Schwung. Aus dem hinteren Fenster winkte mir eine Damenhand zu und liess ein Taschentuch fallen. Perplex blieb ich eine Weile stehen, bis mir klar wurde, dass das feine Tuch vom Wind getragen, dabei war im Wald gegenüber zu verschwinden. Nichts wie hinterher, im Galopp und mit artistischen Sprüngen über die Wurzeln und Strünke. Es gelang mir, den edlen Damast zu fangen und als ich daran roch, war er vom Liebreiz La Divas getränkt. Der siebte Himmel schien mir eine ganz profane Gegend, wenn ich ihn mit meiner Situation verglich. Wie betäubt torkelte ich zurück zur Strasse. Dabei stolperte ich über die Kamera, die der Narbige ins Gebüsch geworfen hatte. Ich las sie auf und steckte sie in meine Tasche, derartiger Müll muss fachgerecht entsorgt werden und zum Umweltschutz will ich jederzeit meinen Teil beitragen. Ich kann es mir nicht leisten, in einer klimatisierten Wohnung zu leben und bin somit stark daran interessiert, dass sich das Klima nicht noch mehr aufheizt. Wie auf Wolken fuhr ich zurück zu meiner Wohnung. Das Taschentuch lag mir an der Brust und es strahlte eine wonnige Wärme aus. Die ganze Nacht schlief ich mit dem Einmachglas, in das ich La Divas Taschentuch getan hatte, um das Aroma zu versiegeln.
12.4.06
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2 commentaires:
Hast du zu viele Filme geschaut? =)
Ganz schön originell...
Du wirst immer besser, Kleiner...
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