Helfende Hände packten mich unter den Schultern und mehr getragen als geführt, wurde ich in den Einsatzwagen geschleppt.
„Mein Held!“ Pohl übertraf sich selbst. So hatte er sicher noch nie einen seiner Agenten empfangen. Er drückte mich an seine Brust, was mir ein lautes Stöhnen entlockte, die Stacheln der Strelizien sassen mir tief im Fleisch und er verlieh ihnen noch Nachdruck, unabsichtlich aber sehr effizient. Damit ihm nicht entging, wie viel ich mich in diesem Fall verausgabt hatte, verzog ich nicht nur das Gesicht, sondern stöhnte auch laut und deutlich. Sofort liess er mich los und nahm mich unter die Lupe. Dort wartet schon 3M und begann, diese elenden Stacheln zu ziehen.
„Können sie keine Anastasia machen?“ fragte ich ihn.
Verdutzt schaute er mich an. „Wie bitte?“
„Hei, Mann, hast du deinen Slang, sprich Jargon nicht im Griff? Etwas spritzen, damit es nicht so schmerzt. OK?“
„Der Herr meint wohl Anästhesie?“
„Ja, sag ich doch.“
„Das macht eigentlich wenig Sinn. Sie haben viele kleine Läsuren am ganzen Körper, da müsste ich ja schon fast eine Vollnarkose machen. Ich halte das für ein wenig übertrieben, obwohl es natürlich eine Erleichterung wäre. Für alle hier.“ Dabei schweifte sein Blick über die Anwesenden. Ich konnte mir keinen Reim auf seine Bemerkung machen, sybillinische Sprüche muss man ja auch nicht um jeden Preis auflösen.
Wie er seine Staatsexamen gemacht hatte, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Ich dachte, dass eine grössere Durchhaltkraft Bedingung ist, um Mediziner zu werden. Seine Fingerfertigkeit liess relativ schnell nach, auf jeden Fall stocherte er mit der Pinzette viel unachtsamer herum, als noch gerade vorhin. Was mir nicht unerhebliche Schmerzen bereitete. Ich liess mir nichts anmerken, ich wollte nicht, dass sein Selbstvertrauen litt.
Ich war sehr froh, als er an die Krankenschwester übergab, damit sie die Wunden desinfizierte. Eine wunderbare Beschäftigung. Mit einem Wattestäbchen verteilte sie diese rotbraune Sauce über meinen ganzen Körper. Ich hielt erst still, als meine Verrenkungen es mir erlaubten, in ihrem Dekollete zu sehen, aus was für Holz sie geschnitzt war, wahrscheinlich ein Edelholz.
„Pohl, mein Freund, wann können wir über meine Ausbildung zum Agenten dritter Klasse reden?“
„…“
Ein beredtes Schweigen. Aber ich konnte ihn verstehen. Mit dem neuen Spielzeug, das ich für sie installiert hatte, waren sie vollauf beschäftigt und was sie da zu sehen bekamen, war auch der Rede wert!
„Scheisse!“ Pohl ganz unflätig. Was ist in den gefahren? Auf dem Zenith seiner Karriere und flucht wie ein Rohrspatz?
„Was is’ ´n?“ wollte ich wissen.
„Wir haben schon alle Bewohner der Botschaft identifiziert und die kennen wir alle schon, da ist mir schleierhaft wie einer dieser Knilche zur Nebulösen gehören kann. Die sind alle recht unbedarft und …“
„Ja also die Leute, die ich in der Halle gehört haben, sind sicher nicht vom Kaliber eines Terroristen. Zeig mal die Bilder.“
Mit den Joystick seines Computer machte er einige Bewegungen und eine Reihe Bilder tat sich mir auf. Ich blätterte hin und her. Alles so richtige Betonköpfe, der einzige der sich ein wenig auszeichnete war der Botschafter, aber der war gar nicht in der Stadt. Auf Anfrage des auswärtigen Amtes wurde beschieden, dass er für politische Konsultationen in die Heimat berufen worden sei. Eine weitere Anfrage beim Zoll und wir hatten die Bestätigung, dass er vor zwei Tagen ausgereist war und seither nicht zurückgekommen ist. Dann hatten wir noch einige andere Klischees. Mit den wenigsten konnte ich etwas anfangen, aber eins interessierte mich, aus welchen Gründen war mir noch nicht klar, aber sie kennen ja sicher diese Momente, wo sie wissen, dass sie einer Erkenntnis auf der Spur sind. Die meisten geben ja nichts auf diese Ahnungen, aber ich habe mir angewöhnt, solchen Impulsen nachzugehen. Die Liste, die ich auf dem Bildschirm heranzoomte, hatte eine Spalte mit Namen und eine weitere mit Daten. Auf Rückfrage bei einem der Spezialisten wurde mir bestätigt, dass es sich um die Ferienliste handelte.
„Da oben haben wir Leute, die mit Name bezeichnet sind. Hier der Botschafter selbst, da sein erster Sekretär Afon Diqt, die Kammerzofe Tetisienne Peripa. Die hier, er zeigte auf die Liste, sind die, die du in missio getroffen hast, wenigstens fast. Habe ich geschwitzt. Da unten stehen nur noch Funktionen, Koch, Gärtner, Chauffeur, die sind in der Wertschätzungspyramide wohl nicht mal ein Name wert. Zu meinem Glück waren die Daten in mir gängigen Zeichen notiert.
„Und der da, wer ist das?“
„Das ist eben der Gärtner. Ohne Belang, der ist ja im Urlaub und auch für ihn haben wir die Ausreisebetätigung.“
„Das kann nicht sein.“
„Was kann nicht sein?“
„Ich habe den gesehen.“ Langsam fügte sich die Puzzlesteine zu einem Bild.
„Sie haben soeben sein Bild gesehen, die Liste mit den Mitarbeitern der Botschaft.“
„Der war aber einer in Gärtnerkluft auf dem Gelände!“
„Wir hatten kein Visuell vom Gärtner.“ Auch er einer, der den Akkusativ vermeidet.
„Doch, gleich nach dem Sturz.“
Wir spulten die ganze Sequenz noch einmal ab. Es war genau in dem Unterbuch der Kommunikationsausrüstung, in der ich den Fastzusammenstoss mit dem Gärtner hatte.
„Das heisst, wir haben kein Bild von ihm. Aber früher oder später muss er ja wieder auftauchen.“
„Es sei denn…“
„Es sei denn was?“
„Der Schuppen ist ja nicht grösser als ein Handtuch, der kann ja kaum darin stehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er da immer noch drin ist. Und sonst wo auf dem Gelände ist er auch nicht. Ergo …“
„Dave, sie sind ja heute in Bestform! Wir brauchen ein Penetrationsradar.“ Den letzten Satz schrie Pohl in sein Mobile.
Zu mir gewandt „mit einem dieser Geräte können wir auf kurze Strecken sogar durch Beton sehen, noch so ein Wunderwerk der militärischen Technologie.“
Um uns die Zeit des Wartens zu verkürzen, gingen wir zu dritt in eine dieser Schnellimbissgaststätten und das alles mit einer doppelten Portion Cats-up.
Wie gewöhnlich war dies der Anlass für eine Kolik. Mit Wehmut dachte ich an die Würste, die ich im Einsatzwagen unter einer Konsole habe liegen lassen. Da hatte ich noch eine spannende Aufgabe, diese unter den wachsamen Augen der ganzen Crew aus dem Wagen zu schmuggeln. Das Wasser lief mir im Munde zusammen. Echte kathalunquische Gewürzschte, das ist eine Delikatesse ohne gleichen. Mit einem Schwarzmarkwert, der sich kaum beziffern lässt. Das habe ich aber gar nicht nötig, ich schwimme ja fast im Geld, also kann ich sie auch selber essen!
„Wollen wir gehen?“ Ich konnte es kaum erwarten.
„Nichts, was uns zu Eile triebe“, Pohl, die Ruhe selbst, „das Radar startet soeben. Wir erleben sogar eine Premiere, das erste luftgestützte Penetrationsradar der Welt und wir dürfen spielen mit.“ Er hatte glänzige Äuglein. Kid at work, man’s toy, nur die Spielzeuge sind grösser geworden, seit er den Sandkasten verlassen hat.
„Ich spendiere noch eine Runde!“ Pohl wirklich grosszügig, seiner Sache sicher. Wenn das nur mal gut geht, noch hat er den Täter nicht erwischt und mit wie vielen wenn und aber lassen sich seine Cheffen abspeisen? Sein Bier.
„Danke für den Hopfensaft.“ Wir prosteten uns zu. Um diese Tageszeit ist es für mich immer heikel, Alkohol zu trinken. Die Mischung mit den Medikamenten, die ich aus diversen anderen Gründen nehmen muss, ist nie berechenbar und immer explosiv, aber es stand ausser Frage, dass ich dieses Bier ablehnte. Eine Frage des Stolzes und somit Männersache.
„Ah, bueno“ er bellte in seine Kommunikationsmittel. Plötzlich war er nur noch intensive Arbeitswut. „Kommt schon, es geht los.“ Ich musste mein Bier runterstürzen, aber aus erwähnten Gründen bis zum letzten Tropfen.
Ungeduldig zog er mich am Ärmel. In Null Komma Plötzlich waren wir in der Einsatzzentrale und hinter den Bildschirmen. Wir hatten einen live-feed aus dem Flugzeug, das hoch oben über der Stadt kreiste.
Lieder hat man mir verboten, über diese Erfahrung genauer Asukunft zu geben. Denn, wenn Sie wüssten, wie viel man mit den neuesten Mitteln der Armee alles machen kann, dann würden Sie sich überlegen, ob Sie bei der Steuererklärung immer noch schummeln wollen. Es braucht ja viel, bis ich mich begeistere (bei Frauen mache ich gerne eine Ausnahme), aber hier war volle Freude angesagt.
„Das ist ein Vorgeschmack auf die Schulung zum Agenten dritter Klasse. Wenn wir den Kerl erwischen, der abgedrückt hat, dann überlege ich mir, ob nicht auch die vierte Klasse drin liegt, aber die sicher nur nach der dritten Klasse, mit überspringen ist in diesem Falle sicher nichts.“
29.6.06
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