Frisch gestärkt und voller Tatendrang flanierte ich in den Gängen. Ich konnte immer noch nicht aus dem Gebäude, die Muskulösen standen immer noch am Ein-/Ausgang und liessen mich nicht raus, höflich aber bestimmt. Auch durch andere Öffnungen der Gebäudehülle war kein Durchkommen, entweder verriegelt, vergittert, verdammt undurchlässig, irgendwas, das meine Freiheit behinderte. Also versuchte ich, das beste daraus zu machen. In allen Büros suchte ich nach tell tales, unter allen Pultauflagen kopierte ich die versteckten Klebepapierchen und anderen Zettelchen, die in der Regel Passwörter und Codes enthalten. Das alles faxte ich Asy, der sicher mit all dem Zeugs was anfangen kann. Als Dreingabe klassierte ich die Zettelchen entsprechend der Bürobeschriftungen, die eindeutig Organisationskürzel und Personennamen waren. Ein Personenverzeichnis konnte ich in der Kaffeteria auftreiben. Eine geflissentliche Mitarbeiterin (die Liste war sogar gezeichnet) hatte sich die Mühe gemacht eine Konsumationsliste mit den Namen und den Abteilungen zu erstellen. Ein gefundenes Fressen für einen Spion, der ich noch nicht war.
Aus dem COLT bröselte nur Statik. Ich ging mehre Male bei den anderen vorbei, um sicher zu stellen, dass sie mich nicht einfach aus der Leitung gekippt hatten, aber auch bei ihnen war nichts ausser Berauschendes. Langsam lief die Zeit. Bis zum Start des Umzuges dauert es noch eine Weile.
„Snoopy oneone hat die Nase voll“ quäkte es aus dem Ohrenknopf. Heija, da hat jemand den ersten Gashahn aufgedreht! Die Sache wurde ernst, fertig mit der Spekulation!
Gleich darauf meldeten sich auch die anderen Snoopies. Dies waren Vorrichtungen, die das Gaswerk kurzfristig installiert hatte. Nach einer Analyse des Planes der Terroristen hatten sie nicht einfach das ganze Gasnetz schliessen wollen, sondern sie haben an 23 Standorten, die für die Flutung der Kanalisation mit Stadtgas in Frage kamen einen Gasschnüffler (Snoopy) installiert. Dies erlaubte, den Gasaustritt festzustellen und das entsprechende, „stromaufwärts liegende“ Ventil zu schliessen. In der betroffenen Zone hatte man sogar Diffusoren versteckt, die den typischen Gasgeschmack ausströmen lassen, wenn man sie aktiviert. Das waren Gegenstände aus der Schulung der Feuerwehr. Somit konnten wir die Terroristen täuschen, wenn sie nachprüfen wollten, dass die Flutung funktionierte. Die Idee kam von mir und Grund einer anhaltenden Bewunderung meiner selbst. Die Experten hatten berechnet, dass eine Flutung der Kanalisation zwei Stunden vor dem Umzug starten musste, um die „besten“ Resultate (im Sinne der Aggressoren) zu erreichen. Früher und es knallte nicht genug, später und die Entdeckung wäre zu wahrscheinlich.
Wir waren kurz vor zwei, der Umzug sollte um vier an der Sprengstelle vorbeikommen. Die Bombenleger hatten anscheinend die gleichen Informationen wie die Spezialisten des Gaswerkes. Erstaunlich. Ich konnte mich auf die faule Haut legen und warten, bis alles vorbei war. Niemand wollte meine Unterstützung und bis ich wieder aus diesem Haus kam war alles andere als klar. Es ärgerte mich, dass man so über meine Bewegungsfreiheit bestimmte und legte mir einen Plan zurecht, wie ich diese Missgunst vergelten könnte. Viel fiel mir nicht ein. Schubladen verleimen? Toiletten verstopfen? Abführmittel in die Wasserspender? Schmierseife auf die Treppe? Haltepositionen der Lifte neu programmieren? Stecker der Informatik lösen? Ich hatte noch andere Ideen, die ich, da verwerflich verwarf. Etwas Bleibendes und etwas, das die hohe Etage traf, sonst war es ja nur Arbeitsbeschaffung für irgendwelche fleissigen Hände, die den Dreck wegzuputzen hätten. Auf meiner Suche kam ich wieder in der Kantine vorbei. Die Kerls riefen mir zu. Sie waren ebenso begeistert, dass die ganze Aktion langsam ins Rollen kam. Sie waren bereit. Ihre Rolle als strategische Reserve trugen sie mit Fassung und hofften, im entscheidenden Moment eingesetzt zu werden.
„Vielleicht werden wir dann die ersten, die auf der neuen Heldentafel verewigt werden!“
„Heldentafel?“ fragte ich.
„Der Direktor hat entschieden, dass alle, die sich für die Agency einsetzen, neuerdings auf einer steinernen Tafel verewigt werden sollen. Der Stein ist heute morgen abgeliefert worden.“
Natürlich! Der Gneis. Spielwiese meiner Rachegelüste.
Ich machte noch gelegentliche Kommentare zum Geschehen und schlich mich aus dem Staub. Die Tür war schnell wieder geknackt und ich stand vor dem Quader meiner schwerwiegenden Rache! Wie sabotiert man einen Quader aus Gneis?
„Ganz einfach…“, doch es wollte mir nichts einfallen.
Ein kurzer Anruf bei meinem liebsten Steinmetzen, Lötsle Hauk brachte mich auch nicht weiter, er war nicht zu Hause. Mist! Mist! Mist. Also denk!
Auch dies brachte mich nicht weiter. IQ alleine reicht nicht, es braucht auch Einfälle.
Ich stöberte im Atelier herum. Es lagen wunderschöne Instrumente rum. Doch mit Hammer und Meissel wollte ich nichts anfangen. Die sind schwer und ermüdend. Doch da fand ich den Corpus delicti, einen Laserbohrer. Mit Anschluss ans kommunale Stromnetz. Ich hatte eigentlich erwartet, dass ein Laserbohrer mehr Pfupf haben muss, um etwas zu verdampfen, aber auch in diesem Bereich waren die Entwicklungen unaufhaltsam und ich war noch so froh, dass ich nicht mit Starkstrom hantieren musste. Damit kann man sich aufs schwerste verbrennen, wie mein Meerschweinchen erfahren hatte, als es die falschen Kabel anknabberte. Der Plan war schnell zu Faden geschlagen. Mit dem Laser, der über einfache Drehknöpfe in Dicke und „Bohrtiefe“ variiert werden konnte, wollte ich ganz kleine, feine aber tiefe Kreisbahnen ausdampfen. Den Stein musste sicher noch geschliffen werden und genau darauf setzte ich. Wenn diese Nadeln, die ich stehen lassen wollte, mit dem Schleifer in Berührung kommen, dann brechen sie ab und werden einen Text formen. ´Dave was held against his will´. Die Sache war schnell aufgezogen und der Laser brannte unermüdlich meine krummen Touren in den Stein. Es stank fürchterlich. Verdampfter Stein ist ekelhaft. Ich war gerade beim ´d´ als der Stein zu brennen anfing. So sah es wenigstens aus. Eine Flamme, die man im hellen Laserlicht kaum sah, aber eine Flamme. Ich legte alles weg und zog die Schweisserbrille aus, die ich vorsichtigerweise angezogen hatte. Ein kleines Feuerlein auf meinem Stein, nicht nur zu Schein, sondern heiss und rein.
„Aua!“ Ich hatte mich verbrannt. Ich konnte mir nicht erklären, wovon sich das Feuer nährte und wollte es ausblasen. Doch je fester ich blies, desto lauter loderte es, obwohl ich keine Flamme mehr sehen konnte. Da goss ich einen Teil des Kühlungswassers des Lasers in die Löcher und ganz offensichtlich ging das Feuer aus. Was war denn hier los? Ich zündete vorsichtig mit dem Laser, den ich auf die kleinste Leistungsstufe zurückgedreht hatte, in die Löcher. Da sah ich eine hohle Stelle. Und darin so was wie geschmolzener Plastik. Mit Hilfe eines abgebrochenen Stücks und der Wasserverdrängungsmethode bestimmte ich das spezifische Gewicht des Steines und verglich das Volumen und die Gewichtsangaben der Zollpapiere mit meinen Berechnungen. Das Resultat ermunterte mich, diese Untersuchung auf später zu verschieben. Laut meinen Berechnungen hätte der Stein dreimal so gross sein müssen, als was er war und da hatte mein Physiklehrer sicher die ganze Methode falsch erklärt. Friede seiner Asche. Ich hasse Lehrer, wenn sie den Stoff nicht richtig vermitteln. Kein Wunder war das Gymnasium nie in Reichweite. Stinkesauer war ich und bin es noch heute. Der Lehrkörper ist nicht zwangsläufig ein Luxusbody.
Immer wieder Wasser nachgiessend, schnitt ich mit dem Laser eine handtellergrosse Öffnung. Das ausgeschnittene Teil fiel mit einem lauten Poltern in den Hohlraum. Was ich durch das Loch sah, war eindeutig ein Sender-Empfänger. In meine Gehirnwindungen liefen gewaltige Assoziationsgewitter und mit fliegenden Schössen rannte ich in die Kantine. Die Kraftprotze sassen immer noch da, die strategische Reserve war noch nicht im Einsatz. Ich versuchte dem Chefprotz beizubringen, was anstand, aber er hatte seinen Intellekt nicht auf Empfang und ich musste mich mit dem Unterprotz verständigen.
„In dem Raum dahinten liegt ein Stein – sie wissen schon, der Stein des Ruhmes – da drin ist eine Vorrichtung, die sicher mit dem Anschlag auf den Umzug von heute steht. Wenn sie schnell reagieren, dann haben wir eventuell noch die Chance, die wir sonst verpassen. Alles klar? Hoch die Hintern, wir machen Dampf.“
2.6.06
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