19.6.06

subkutan oder wie der Laster in die Mauer kracht

„Kein Problem, erstens: eigentlich ist es ja ein Milchtransporter, aber als Benzintransporter gekennzeichnet (der Chauffeur wird dann sicherlich bestraft) und zweitens er wird leer sein. Also mach dir keine Sorgen um deine Locken, wir werden sie nicht sengen. Das wäre ja das Beste, wir haben endlich einen, der verrückt genug ist, diesen Job zu erledigen und alles was wir zustande bringen, ist ein Häufchen Asche. Nein, ich habe andere Ambitionen und dafür musst du leben, wenigstens noch ein Weilchen.“ Ein hämisches Grinsen, das ihm ganz schlecht stand.
„Wann lassen wir los?“
„Jederzeit, ich warte nur auf dein Wort.“
„Wort.“
„Spassvogel, wir müssen dich zuerst noch ausrüsten. Ich habe veranlasst, dass der letzte Schrei aus unserer Entwicklungsabteilung zur Verfügung steht. Du darfst nie darüber reden, noch davon träumen.“
„Aber wenn die mich da drinnen erwischen sollten? Das ist natürlich nur ein hypothetische Frage, wie sollten die mich erwischen? Aber um die Klammer zu schliessen. Wie erkläre ich denen, dass ich mit solchen tollen Sachen ausgerüstet bin?“
„Alles ist mit einer Selbstzerstörungsfunktion ausgerüstet und löst sich mit einem kleinen Knall in Luft auf.“
„Und ich damit?“
„Nur wenn du eine Fehlmanipulation machen solltest, aber es ist ganz einfach.“
Ich wollte plötzlich lieber eine Woche Brückengeländerschrubben, als mich mit einer Ausrüstung rumschleichen, die jederzeit explodieren kann. Hätte ich doch bloss wieder einmal das Kleingedruckte gelesen. So kommt man in des Teufels Küche, wenn man versucht aus der Backstube Beelzebubs zu fliehen. Ich werde wohl nicht lange genug leben, um meine Memoiren zu schreiben. Sei es drum. Auf in das Gesüpp.
Die Techniker waren nicht mit ganzem Herzen dabei irgendwie wollten sie ihr Spielzeug nicht ausleihen und dann noch mit der Gefahr, dass alles in die Luft fliegt. Aber unter den strengen Augen von Pohl gaben sie sich die Mühe mir alles zu erklären. Das war nicht einfach. Wir waren hinten in einem Lieferwagen und fuhren an den Galgenweg. Die Gadgets waren wirklich der letzte Schrei, Nachtsichtgeräte mit virengestützten Energiepaketen (eine Technik, die im Rahmen eines Forschungsprogrammes der Militärtechniker entstanden ist. Und bei der M13-Phagen gentechnisch derart umgewandelt werden, dass sie Kobalt und Goldatome an ihre Hülle binden und dann in einer entsprechenden Salzlösung getaucht, überziehen sie sich mit einer Metallschicht und bilden eine Art winziger Draht. Die Viren richten sich dann auf einer Oberfläche von Polymeren selbständig aus und das ergibt zusammen mit dem metallischen Überzug eine Anode, eine positive Elektrode. Zusammen mit einer konventionellen negativen Elektrode in einem Elektrolyten ergibt sich ein galvanisches Element, das eine dreimal grössere Kapazität hat wie herkömmliche Lithiumionen Akkus). Eigentlich wollte ich das ja nicht so genau wissen, aber der Techniker schien derart angetan, dass ich es ihm nicht übel nahm. Wenn einer aus dem Vollen schöpft, dann soll man ihn nur machen lassen. Im schlimmsten Fall hat er wenigsten seinen Selbstwert steigern können. Der, der auf mich einsprach, hatte wohl eine ganze Jahresration in einer kleinen Viertelstunde abbekommen. Die Fahrt wurde langsamer, die Martinshörner wurden abgestossen und wir rollten die letzen fünf Minuten wie ein kleiner Privattransporter in Stellung. Pohl war die ganze Zeit in Kontakt mit seinen anderen Teams, die sich auf den vorgetäuschten Unfall vorbereiteten. Er nickte mir immer wieder zu und machte Zeichen mit dem Daumen. Auch wir waren bald in Stellung und ich hatte mich mit dem Agentendress eingekleidet und mein Einsatz konnte beginnen. Wenn das gut geht, dann werde ich Agent dritter Klasse! Ich brauchte diese Aussicht, sonst hätte ich den ganzen Bettel hingeschmissen und wäre davon gerannt. Es wurde mir erst jetzt so richtig bewusst, dass ich mithalf Kah Osz an das Messer zu liefern. Und wenn da was schief ging, hatte ich gute Chancen, dass der Chef der Nebulösen mich auf die Abschussliste setzt und dann kann ich ein Leben lang fliehen. Es ist nicht trostreich zu wissen, dass das eine kurze Flucht sein wird.
Pohl hatte einen Countdown gestartet und wir waren etwa bei 237 als sich die Tür öffnete und ein Religiöser in den Wagen stieg. Er hatte eine kleine Phiole bei sich und fragte mich, ob ich gerne eine letzte Ölung haben möchte, oder ob er mit einfach das Tarot legen oder die Leviten lesen sollte. Ich konnte keines so richtig einordnen und fragte, ob sein Öl kalt- oder warm gepresstes sei. Ohne weitern Kommentar schlug er das Kreuz und zündete eine Weihrauch-Myrrhe Mischung an. Die ganze Einsatzzentrale wurde eingeräuchert und wir hatten Mühe dem Fahrer klar zu machen, dass er den Feuerlöscher wegstellen könne. Pohl schaute mich, als wolle er mich um Entschuldigung bitten, diese Prozedur sei Ergebnis eines kürzlichen Business Process Reegineerings, das zum Ziel hatte, die multikulturellen Aspekte des Geheimdienstes zu berücksichtigen und gleichzeitig die spirituellen Aspekte eines knallharten Agentendaseins unter einen Hut zu bringen versuchte. Die Resultate seien ermutigend.
Als wir als dies hinter uns hatten, war der Countdown bei 37 und ich bekam ein leichtes Herzflimmern. Dummerweise wurde das sofort auf dem LSSS (Live Support Supervision System) angezeigt und, wie er im Nachhinein zugab, aus Routine verabreichte der 3M (Mission’s Medicine Man) eine mittlere Dosis Adrenalin, die über eine subkutane Sonde in meiner Herzgegend ausgeschüttet wurde. Das resultierende Pochen tat mir fast weh, aber ich war dankbar über die zusätzliche Wachsamkeit. Wenn es nur bald losgeht, das Warten machte mich ganz krank.
Mit einem lauten Getöse krachte der Laster auf der anderen Seite des Anwesens in die Umfassungsmauer.

Aucun commentaire: