10.7.06

Zyankali oder Semtex?

Somit hatte ich meine Dienstwaffe, aber keinen Dienst. „Aye, aye, Captain!“ Pohl was Pohl gebührt. Mit einem leichten Lächeln quittierte er meine Bemerkung, als sich unsere Blicke im Rückspiegel kreuzten. „Du hast das Zeug.“
Von was er jetzt redete war mir nicht ganz klar, aber das liess ich mir nicht ansehen. Gekonnt hantierte ich mit der Waffe und überzeugte mich, dass sie auch wirklich geladen war. Ich wollte sie ja nicht nur zum rumzeigen. Durchladen, entladen, die ausgestossen Patrone wieder ins Magazin. Alles Bewegungen, die mir geläufig waren, aber unser Instruktor hat uns immer wieder gesagt, „wenn ihr eine Waffe zum ersten Mal in den Fingern habt, dann durchlauft immer, ich wiederhole, immer eine Lade, Entlade Zyklus, sonst könnt ihr nicht wissen, ob ihr eine Waffe oder ein Stück Seife in den Fingern habt.“ Das mit der Seife hätte man ja auch raus finden können, indem man daran leckt, aber meine Art von Humor kommt nicht immer an.
Mit kreischenden Reifen kamen wir zu stehen. Noch bevor der Wagen angehalten hatte, war Pohl schon draussen und suchte fieberhaft nach dem Gullideckel. Ich liess ihn eine Weile suchen. Wie es der Zufall so will, stand der Wagen genau darüber.
Als Pohl fluchend um die nächste Ecke rannte, um zu sehen, ob der Einstieg/Ausstieg da drüben lag, liess ich die Fahrerin zurücksetzen. Mit dem Stemmeisen aus dem Werkzeugkasten des Streifenwagens hob ich ihn an und spähte in die Tiefe. Dunkel wie die Nacht und anrüchig wie ein Abort der Autobahnraststätten im Hochsommer.
„Pohl, hier ist das Loch, das du suchst.“
Er kam um die Ecke geschossen und stieg, ohne ein Wort zu sagen, in die dunkle Röhre. Zu zweit waren wir wohl unschlagbar. Er die Beziehungen, ich die Brillanz, eine tödliche Mischung für alle Übeltäter dieser Welt. Ich hinter ihm her, wobei es noch ein kleines Gerangel mit der Chauffeuse gab, die sich natürlich bei ihrem Chef einschmeicheln wollte. Vor allem hatte sie etwas gut zu machen, nach dem Anschnauzer von vorhin. Aber ich konnte mich fast durchsetzen, hätte dann aber zuviel mit den Ellbogen zu fuchteln und ich war eigentlich froh, wenn sie als Kanonenfutter voranging. Kaum unten angekommen, schickte mich Pohl wieder hoch, ich solle den Deckel schliessen, damit der Kerl nicht schon von weitem das Licht sieht und scheu wird. Widerwillig stieg ich nach oben und zog den Deckel zu. Es wurde dunkel wie im Bauch einer Kuh.
„Wir gehen ein wenig nach hinten, und macht ja keinen Lärm! Er darf uns nicht entwischen.“
„Wie machen wir es? Lassen wir ihn hochsteigen, oder nehmen wir ihn hier unten fest? Wenn er die Sprossen hochkommt, dann kann er uns entwischen. Da oben ist ja noch der Hilfssheriff, aber wenn der den übertölpelt, dann ist er schnell über alle Berge.“
„Welche Berge?“ Pohl hatte einen langen Tag hinter sich. „Ah so.“
„Wir könnten ja den Wagen auf den Deckel stellen, dann kann er sicher nicht raus, oder wir umstellen den Ausstieg mit einem Batallion und wenn er kommt, dann auf ihn mit Gebrüll.“ Pohl funkte seine Instruktionen und sah mich ermunternd an dabei. Schon wieder ein Stein im Brett! Wenn das so weiter geht, dann muss man das Holz mit der Lupe in dem Haufen Steine suchen. Ich hatte wirklich Oberwasser, freie Fahrt, Überhand und Freistoss aufs Mal.
„Psst, ich habe etwas gehört.“ Die Fahrerin lauschte angespannt in die Dunkelheit. Das Geräusch kam näher und näher. Mir wurde mulmig, der meistgesuchte Terrorist auf der Flucht und ich bin ihm dabei im Weg. Wenn das nur nicht ins Auge geht. Die haben ja meist so etwas bei sich, um einer Verhaftung mit dem Tode zu entgehen. Und in letzter Zeit sind das nicht mehr die Zyankalipillen, die in einem holen Zahn versteckt sind. Heute sind es eher 200 g Semtex in der Brusttasche, damit die Beistehenden auch etwas davon haben. Vorsichtig schob ich mich hinter die Fahrerin, sie machte einen unerschrockenen Eindruck und war guter Dinge und so wie sie gebaut war, konnte sie reichliche Schockwelle absorbieren.
„Fassen sie mich nicht an!“ maulte sie. Dabei wollte ich bloss sicher sein, dass ihre kugelsichere Weste auch richtig festgezurrt sei. In den Filmen haben sie in diesen Situationen immer eine kugelsichere Weste, aber anscheinend sahen wir nicht die gleichen Streifen. Sie hatte eine sehr dünne Haut (mit ihr zu knutschen wäre wohl Knochenarbeit, die ich gerne auf mich genommen hätte, d’ailleurs ;-).
Pohl machte eine kleine Befehlsausgabe - ich habe nichts verstanden und kann sie hier leider auch nicht wiedergeben. Wir versteckten uns in der dunkelsten Ecke. Der Mann, soviel sahen wir gegen das Dämmerlicht, kam immer näher. Nicht sehr in Eile. Konnte das unser gesuchter Terrorist sein?
Er zögerte keine Sekunde, ging auf die Leiter zu, die wir erst vor kurzem benutzt hatten. Mit sicheren, aber keineswegs hastigen Bewegungen stieg er die Leiter hoch. Pohl machte der Fahrerin ein Zeichen und wir gingen langsam und ohne Lärm an den Fuss dieser Leiter. Ich sage wir, aber nach drei Schritten schickte mich Pohl mit einer klaren Geste zurück. Ich war dankbar, war ich doch damals nur einfacher Bürger und somit nicht mit Leib und Seele der Staatsräson verschrieben und überhaupt, ein wenig Angst hatte ich schon.

1 commentaire:

Anonyme a dit…

He sag mal. bist du müde geworden? Oder frisch verliebt? Oder was?