15.5.06

Harte Zeiten für das Weichei

„Na, dann bringen Sie mich so schnell wie möglich zu ihm. Ich kann es ja nicht erwarten, La Diva zu treffen.“
Das wirst du noch bereuen, dachte ich mir. Der Plan war wasserdicht und sein Part kein Zuckerschlecken. Er wirkte kleiner als in den Filmen. Oder lag es daran, dass er nur mit kleineren Partnerinnen spielte? Seine Figur war leicht untersetzt, sein Falten tiefer als vermutet und überhaupt schien er en nature nicht so lecker, wie er in den Filmen daherkam. Aber dort konnte er ja auf die Dienste einer ganzen Armada von Stylisten, Visagisten, Pediküren und Maniküren und artverwandten Berufsleuten zurückgreifen. Mir schien einfach, das Aufheben, das die Damen von dem Typen machten völlig übertrieben, den schliesslich ist er unter den Kleider auch nur nackt. Und ich war sicher, abgesehen von seinem Ruf hatte er nicht viel mehr zu bieten, als ich.
Auf den Weg zum Auto zupfte er mich am Ärmel und wollte von mir wissen, welche Blumen La Diva wohl am liebsten hätte. Wir kamen gerade am Blumenladen vorbei. Ich zeigte stumm auf die Auslage des Juweliers gegenüber, wo ein Brosche lag, die wie eine Rose aussah. Überrascht sah er mich an, dann lächelte er und ging ins Geschäft. Die Transaktion war schnell abgewickelt und wir konnten weitergehen. Da wir für diesen Vorfall keine Codesätze hatten, liess ich es bleiben, das Vorkommnis weiterzumelden.
Dan Dee hatte Übung im Umgang mit RoRos. Ohne zu zögern ging er zur richtigen Tür und reichte dem Portier, der zuvorkommend die Tür öffnete, sein kleines Patschhändchen mit einigen Geldnoten darin. Dieser verbeugte sich tief und schien sehr erfreut. Mich würdigte er keines Blickes und ich musste mir selber helfen. Ich hätte dem Kerl gerne zu verstehen geben, dass ich kein Hanswürstchen bin - ich war mir aber noch nicht im Klaren wie und so blieb mir nichts anderes übrig als ein Blick zurück im Zorn. Mein angeschlagenes Selbstverständnis konnte sich aber nicht lange an der Oberfläche meines Bewusstseins halten, andere Aufgaben erwarteten meine volle Konzentration. Im Rückspiegel sah ich mir den Schönling an. Im RoRo hatte es extra einen zweiten Rückspiegel, damit der Beifahrer die Herrschaften im Blick haben konnte, ihr die Wünsche von den Lippen ablesen konnte, ihnen die gottverdammten Ärsche polieren konnte. Mir kam die Galle hoch, wenn ich daran denke, dass dieses ältere Modell in der Frauenwelt die Wunschvorstellung verkörperte. Langsam wuchs in mir die Überzeugung, dass der Vorfall von heute Abend doch noch eine schmerzhafte Episode für den Kerl in petto hat. Zwei, drei auf die Schnauze können schon drin liegen. Eine innere Ruhe machte sich in mir breit, ich genoss die Idee der Gewalt und ballte meine Fäuste in angespannter Vorfreude.
Und in genau diesem Augenblick meldete sich mein Gewissen! Der ungebetene Gast den niemand rief.
„Du darfst nicht, du sollst nicht“ und all diese Floskeln, die sich uns trotz unserer Erziehung eingeprägt haben. Wir schlossen sofort Waffenstillstand, mein Gewissen und ich. Wir einigten uns darauf, dass es nur einen kleinen Unfall geben wird, der den Umständen in die Schuhe geschoben werden kann. Somit gossen wir Öl auf die Wogen der Barmherzigkeit und alles ward wieder eitel Sonnencrème.
So hat jeder sein Kreuz. Ich trage meines mit Fassung und an einer Goldkette. Hat mir Tante Pzalma Mabend geschenkt, als ich ihr versprochen hatte, an der Kommunion teilzunehmen. Das war sogar eine gelungen Feier, dass der Pater den Frosch im Taufbecken während der Messe entdeckte war ja nicht mein Fehler. Auf jeden Fall behielten alle, die an dieser Feier teilgenommen hatten eine lebhafte Erinnerung. Was diese Vorfälle nach sich zogen, weiss ich nicht. Der Pfarrer hatte dankend auf meine weitere Partizipation am Kirchgemeindewesen verzichtet. Meine Mutter hat dann auch bald darauf beschlossen, dass wir in einen anderen Teil der Stadt ziehen sollten. Aber auch dort wurde mir vom Pfarrer beschieden, dass ich in meinem Alter von der verfassungsrechtlichen Religionsfreiheit Gebrauch machen und endlich den Austritt einreichen solle. Dies ging mir zu weit und als ich ihn fragte, ob er mich in die Arme der Diabetiker oder der Priester Judihuis treiben wolle, wurde er gefügig und ich durfte im gemischten Ferienlager der Diözese teilnehmen. Ein voller Erfolg, die Mädchen waren in der Überzahl. Sie nehmen die Frage mit des Gretchens Pudel viel ernster und wir diskutierten bis in die tiefen Nächte über Gott und das Sündige. Gegen Mitte der Woche bin ich dann ausgebüxt, die ewige Tratscherei ging mir auf die Nerven.
Im Anschluss hatte ich meine Austrittsurkunde frei Haus, mit Siegellack und Unterschrift des Kardinals.
Die weitere Fahrt verlief völlig ereignislos. Alles lief wie am Schnürchen. Als wir auf dem Ansitz des Don ankamen, waren die Vorbereitungen schon voll im Gange, die Küche dampfte und Asy fluchte über die Kleidung. Die Hemdbrust mit dem steifen Kragen schnitt ihm fast die Luft ab.
„Geduld, das wird sich geben. Ist die Videoüberwachung des Aussensektoren Ost ausgeschaltet?“
Er nickte und zeigte mir das Kabel, das er ausgebaut hatte, um sicher zu sein, dass wir unsere Pläne ohne unerwünschte Überwachung durchziehen konnten.
„Das Auto steht auch schon bereit, voll getankt, die Sachen gepackt.“
Wie immer, auf Asy ist verlass, voll engagiert und in der Umsetzung unübertroffen. Zum Glück akzeptierte er meine Freundschaft, sonst hätte er es schon viel weiter gebracht.
La Diva wusste, dass wir angekommen sind, ich hatte unsere ETA (etwa terminliche Ankunft) per Funk durchgegeben und auf jeden Fall wurde sie ja vom Tormann benachrichtigt. Sie stand oben an der Aussentreppe und war schöner denn je. Ihre Erscheinung spottete jeden Beschreibers und ihre Aura war so gut wie gegenständlich. Ich war so hingerissen, dass ich nur noch eins vermochte - hinblicken.
Tock, tock - der Weiberheld klopfte ungehalten und ungeduldig an das Fenster und gab mir zu verstehen, dass ich ihm die Türe öffnen solle. Ich erachtet das nicht als meine Aufgabe, aber der Portier war nicht zur Hand und so blieb mir nichts anderes übrig, ausserdem machte auch La Diva einen ungeduldigen Schlenker mit der Hand und wer kann es sich schon leisten, dass La Diva ungehalten wird. Also schickte ich mich in diese Handlangerrolle und öffnete den Spund. Dan Dee behandelte mich wie Luft. Etwas, das ich mir nicht verkneifen konnte zu notieren – der Kerl hat doch einen grösseren Zwischenfall zu gewärtigen - und das in Unkenntnis, was ihm bevorsteht. Eine Zukunft voller Überraschung. Harte Zeiten für das Weichei! Mein Adrenalin wurde somit artig entsorgt und ich konnte mich wieder meiner Lieblingsbeschäftigung widmen – La Diva.