Ich weiss nicht, welcher Teufel sie ritt, aber unter dem Tisch spielten ihre nackten Zehen in meinen Knien. Sich machte das, ohne sich auch nur das Geringste anmerken zu lassen. Sie schaute gelangweilt der Sendung zu und stocherte in ihrem Teller herum. Ich genoss die Gunst der Stunde, hatte aber unheimlich Mühe, mich zu entspannen und nicht mit hochrotem Kopf über den Tisch zu springen und sie in meine Arme zu nehmen. Das Teufelsweib war wirklich vom Satan beritten. Nach einer Weile musste ich mich kurz zurückziehen, um ein kleines Missgeschick abzuwischen.
Asy funktionierte wunderbar. Er hatte die Rolle des Chef de salle übernommen. Diese Rolle schien ihm auf den Leib geschnitten. Mit kundiger Gestik dirigierte er das Personal. Die einzige Verrichtung, die er selber machte, war dem Gast das Essen hinzustellen. Dabei machte er immer einen ganzen Zirkus, mit formvollendeten Bewegungen daraus. Somit hatte er eine Maskerade für die Zutat, die er dem Schönling in die Hauptspeise tun wollte.
Beim vierten Gang, also kurz vor der ersten Halbzeit, zirpte mein Hörgerät. Kurz-kurz-kurz. Das Stresssignal aus dem Überwachungsraum. Damit hatte ich nicht gerechnet! Scheisse, was war da los?
Ich sprang elegant auf und bat die Dame des Hauses um Entschuldigung.
„Schon wieder?“ lachte sich mich an. Sie hatte ja keine Ahnung.
Draussen sprach ich mich kurz mit Asy ab. Daraufhin setzte er sei Hörgerät ein, das er während des Essens nicht tragen wollte. Wir testeten die Verbindung, alles klar. Daraufhin im Eilschritt in die Zentrale. Die Wachmannschaft war in wilder Aufregung und alle schrieen in irgendwelche communication devices. Ein Blick auf die Displays zeigte mir sofort, um was es sich handelte. Über den Sumpfweg kam eine Gruppe älterer Frauen. An ihren Spruchbändern waren sie sofort als die Witwen und trauernden Mütter aus dem Bandenkrieg der Mafia erkennbar. Die hatten gerade noch gefehlt. Die stärkste Lobby, die dem Don immer wieder zu schaffen machte. Und da sie durch ihre Gefühle getrieben waren, konnte er diese Bewegung auch um keinen Preis korrumpieren. Da sind die Gierigen und Geilen einfacher.
Meine erste Reaktion: wo sind die Hunde? Es hätte ja gerade noch gepasst. Eine Witwe von Dobermännern angefallen, im Blute liegend. Es war davon auszugehen, dass die Demonstrantinnen von einigen Reportern begleitet waren, die sich natürlich solche Klischees nicht entgehen lassen würden.
Im Moment waren die Hunde in den Zwingern und über das Haustelefon ordnete ich an, dass der Zwinger verriegelt und bewacht würde. Der politische Schaden, den diese Hunde zusammen mit ihren Vettern aus der Reporterkanaille anrichten konnten, war unermesslich.
Noch hielten die Zäune ennet dem Sumpf. Aber dem dauernden Ansturm werde sie wohl kaum standhalten. Der hiesige Naturschutzverein hatte es ja durchsetzten können, dass der Don keine Einfriedung mit Stacheldraht bauen durfte. Die kleine Grasmücke, die diesen Sumpf als Nistplatz gewählt hatte, hatte schützenswerte Interessen und gegen die grüne Wellereiter hatte selbst der Don keinen Stich. Ausserdem war sein Dispositiv ausgerichtet, Einzeltäter bzw. Einzelkämpfer zu erfassen, die mit einem Meuchelauftrag unterwegs waren. Der Don war davon überzeugt, dass seine Feinde ihm nicht mit einer Armee auf den Pelz rücken werden. Ninja-Killer bevölkerten seine Albträume.
Als nächstes leerten wir den Feuerwehrteich in die Sümpfe. Somit stieg der Wasserspiegel vorübergehend um einige dutzend Zentimeter, genug, um die meisten der Protestierenden kniehoch im Dreck stecken zu lassen. Jetzt mussten wir noch die wenigen abfangen, die sich bei solchen Veranstaltungen selbst übertreffen und jegliche Hindernisse überwinden. Diese Gattung pumpt sich regelrecht mit Adrenalin auf und schöpft aus dem Schachmatt der Masse ihre Energie. Wir bildeten hochmobile Zweiertrupps mit den Soldateri. Jedes Team schnappte sich eine Enduro aus dem Fuhrpark des Don und ging in Stellung.
Somit war etwas alles getan, was zu tun war. Die Order war eindeutig, sanfte Gewalt, keine Schläge, kein Blut. Die Armschellen sollten erst in der Scheune verwendet werden. Aber das auch nur als letzte Massnahme. Der Plan sah vor, dass wir die Eingefangenen direkt durch das Drehtor an der Ostpforte wieder nach draussen bugsierten.
Zeit, dem Don Bericht zu erstatten. Ich ging in den Esssaal zurück. Dort machte ich dem Don ein geheimes Zeichen. Erstaunt hob er die Augenbrauen. Mit einer kurzen Verbeugung gegenüber La Diva stand er auf und folgte mir in den Alkoven. Ich erstatte ihm Bericht. Völlig angetan von meiner Glanzleistung klopfte er mir auf die Schultern. „È il cattivo?“
Den hatte ich völlig vergessen. Mit dem Auftauchen der verstörten Mütter und plärrenden Witwen flog unser Plan auf. Da war eine Idee angesagt. Aber wie das so ist mit Ideen, man hat sie oder man hat sie nicht.
„Alora?“
„Kein Problem! Ich weiss schon, wie wir dem begegnen. Alles läuft nach Plan.“ Ich hatte schliesslich im Plan vorgesehen, dass nicht alles klappte und nun waren wir voll auf Kurs.
„Ich zähle auf dich!“ Damit ging er ins Esszimmer zurück.
„Asy, hast du mitgehört?“
„Ja, wir stecken bis zum Hals in den Exkrementen… Aber warte, wenn ich mich recht erinnere… Warte, wir treffen uns in der Zentrale.“
Kaum dort eingetroffen, war klar, dass unser Verteidigungsstrategie wirkte, die meisten Frauen hatten den Rückzug angetreten, als sie sahen, was sie im Sumpf erwartete. Auf mein Anraten hatte der Don erste vor wenigen Tagen im Feuerwehrteich eine Blutegelzucht angefangen, da mit Extrakten aus den Speicheldrüsen dieser Tiere viel Geld zu verdienen war. Das kam uns jetzt zugute. Mit dem Zoom konnten wir verfolgen, wie viele der aufgebrachten Schar verzweifelt versuchten, das schwarze Gewürm loszuwerden, das sich an ihren Beinen festgesetzt hatte. Dabei wäre ist es ja erwiesen, dass es gut für die Gesundheit ist, wenn man sich ab und an zu Ader lässt und die Viecher fallen ab, wenn sie voll sind. Aber in der Panik vergisst der Mensch die Wissenschaft und funktioniert nach den Mustern, die seine Vorfahren in tausenden von Generationen als Höhlenbewohner und Jäger erlernt haben. Wir konnten uns vor Lachen kaum erholen. Asy übernahm den Generalstab und koordinierte noch, was zu koordinieren war. Die wenigen Unerschrockenen, die durch die Sümpfe kamen, waren schnell eingefangen und wurden ohne grossen Klamauk durch das Osttor „entsorgt“. Diesen Bereich hatten wir leider nicht unter Videoüberwachung, da unser ursprünglicher Plan vorsah, dass wir mit dem Schmalzling dort durchkämen. Aber das war weiter nicht schlimm. Wir hatten die Wachen in diesem Sektor verstärkt und es patrouillierten dort die verlässlichsten Elemente aus dem Wachkorps. Zum Glück waren die Ressourcen des Don schier unerschöpflich.
Da fehlte uns nur eins zum perfekten Glück: die Idee, wie wir den Schmalzer loswürden. Das war ja eigentlich unsere ureigenste Aufgabe für heute Abend. Die Demo war nur ein Nebenschauplatz und auf diesen gewinnt man keine Schlachten. Aber mit Zuversicht versetzt man ganze Berge!
Und wenn diese dann nur Mäuse gebären? Ich hatte wieder einmal Mühe, meiner Autosuggestion eine positive Richtung zu geben. Zu viel, zu gross, alles im Wagen, wohin wird mich diese Geschichte noch führen? Geduld und der Muttertag bringen Rosen. Nur war dieser ja nicht heute und für die andere hatte ich keine Zeit.
Eingebung ist, wenn es plötzlich kommt.
Da kam Asy mit dem zündenden Funken. Schnell instruierten wir Giuseppe, den unsere strategische Einsatzreserve leitete. Wie ein Professioneller, keine Fragen, die Anweisungen mit anderen Worte wiederholt, um sicher zustellen, dass er alles verstanden hatte und dann nichts wie weg.
Wir liessen ihm fünf Minuten Vorsprung. Dann sprinteten wir in den Esssaal zurück. Dort waren alle noch beim Essen und zuckten erschrocken zusammen, als wir mit viel Frakass durch die Ruhe brachen.
18.5.06
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