„Bitte bewahren sie Ruhe. Wir haben eine Situation, die es verlangt, dass wir unsere Gäste in Sicherheit bringen. Die Vereinigung der Mütter und Witwen ist auf dem Grundstück und wir müssen damit rechnen, dass einige subversive oder polizeiliche Elemente sich unter die Demonstranten gemischt haben, um von der Hitze des Gefechtes zu profitieren. Als Sicherheitsverantwortliche ist unsere Einschätzung massgebend und wir müssen sofort handeln.“ Dabei drückte ich einige Knöpfe der Fernbedienung und auf dem Monitor sahen wir die Bilder der Überwachungskameras Sektor Süd. Man sah einige vermummte Gestalten, die schwer bewaffnet durch das Dickicht krochen. Als Bild im Bild hatten wir die Szenen aus den Anfängen des Ansturmes der Witwen und Mütter eingeblendet. Einfach toll, was man mit der heutigen Technik an Illusionen hervorzaubern konnte. Wobei, die Schwerbewaffneten waren keine Illusion, aber man sah ihnen nicht an, dass es eigentlich Angestellte des Don waren, die Giuseppe durch die Wildnis führte.
„Che c’è? Perche questi brutti non sono eliminati?“ wollte der Don wissen.
Mit einem Augenzwinkern gab ich ihm zu verstehen, dass er sich einfach in die Situation schicken solle. Es sprach für ihn, dass der die Situation so schnell erfasst und uns sogar noch unterstützte.
„Dann machen sie schnell.“
Mit diesem Worten hatten wir den Freipass, den wir benötigten. Wir packten Dan Dee von beiden Seiten und stellten ihn auf seine Beine. Er wollte protestieren und wandte sich an den Don, doch dieser machte eine sehr ernste Miene. „La situazione è pericolosa. Andate con i responsabili.“
Da gab es nichts mehr anzufügen und in schnellem Schritt schleppten wir Schmalzi durch den Tunnel in Loggia. Über Funk gaben wir Giuseppe das Codewort. Er bestätigte den Empfang und wünschte uns viel Glück. Wenn wir das Gelände verlassen haben, wird er dem Don Bericht erstatten.
„Ich brauche meine Weste!“ labberte der Schönliche.
„Welche Weste? In der Weste nichts Neues würde ich Rainer Maria Wieschonwieder zitieren. - Und das Salz?“ wandte ich mich an Asy.
Asy schüttelte nur den Kopf. In der Aufregung war er nicht dazugekommen, dem Schönling diese Zutat zukommen zu lassen. Somit hatten wir noch keine Lösung im Zusammenhang mit dem anstehenden Umzug. Aber wir waren voll am Drücker und da hatten uns das Glück und die Vorsehung hingebracht. Also keine Angst, wir werden das schon richten. Und sonst finden wir einfach einen anderen, dem wir die ganze Schuld in die Schuhe schieben können. Wir waren schnell durch das Osttor. Der Fluchtwagen stand bereit und mit heulendem Motor verliessen wir die Gefilde. Schmalzo war erstaunlich ruhig und machte keinen Mucks. Ich sass mit ihm im Fonds des Autos und genoss die wilde Fahrt, Asy ist ein begnadeter Raser.
„Wohin bringen sie mich? Und wo ist meine Weste?“
„Wir bringen sie In Sicherheit! Und die Jacke lassen wir nachliefern.“ Er machte eine sehr betroffene Miene, doch wer konnte das nicht nachvollziehen?
Die Strasse war sehr gewunden und das Auto schlingerte um die scharfen Kurven.
„Machen sie bitte das Fenster auf, mir ist schlecht.“
Ich zeigte ihm die Knöpfe. Mit einem „uahh…ahhh“ steckte er den Kopf nach draussen und ergab sich auf die vorbeirasende Strasse. Asy hielt an. Der Kotzer hing im Fenster und hechelte kraftlos.
„Noch nie schnell gefahren?“ wollte ich von ihm wissen.
„Es ist nicht das…“ den Rest des Satzes ging in einem Gurgeln unter. Und dann sah ich unsere Misere. Der Kerl schwoll an! Er konnte kaum noch atmen. Da kamen mir Kindheitserinnerungen auf. Ein Onkel hatte genau die gleichen Symptome, bevor wir ihn ins Spital bringen mussten. Er ist damals noch knapp mit dem Leben davongekommen. Jetzt hatten wir wirklich ein Problem. Sollte ich ihm schon den Tracheenschnitt machen, oder konnte er noch atmen? Asy schien auch ganz ratlos und damit begann für mich das grosse Zittern. Musste ich alleine entscheiden und Verantwortung übernehmen? So hatte ich gar nicht gewettet, Teamwork war angesagt.
„Asy lass mich nicht hängen.“ Aber der hatte schon mit sich selber Mühe. Wenn Kranke in seiner Nähe sind, dann wird ihm auch ganz garstig und man kann nichts mehr mit ihm anfangen. So hat auch er seine Schwäche. Auf jeden Fall war eines klar und das war ja ein riesiger Lichtblick - in diesem Zustand konnte Dan Dee morgen auf keinen Fall am Umzug teilnehmen. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Hausarzt zu avisieren. Dann schubste ich Asy vom Fahrersitz, wo er ganz bleich vor sich hin sass. Der Geruch von Krankheit hing schwer im Wagen. Mit vollem Gebläse versuchte ich die dicke Luft zu verdünnen und mit vollem Gas flogen wir Richtung ärztlichem Beistand.
Dort angekommen, trugen wir den Kranken ins Behandlungszimmer, wo der Doktor schon auf uns wartete. Dan Dee bewegte sich nicht mehr. Sein Puls flatterte und er roch aus dem Mund.
„Azeton, typischer Fall von Diabetes. Wo hat er seine Medikamente?“ Jetzt dämmerte mir, wieso der Kerl unbedingt seine Jacke wollte.
„Die hat er nicht bei sich.“
„Na dann.“ Der Doktor stach dem Schwächling in die Fingerkuppe und verwendete irgendwelche Instrumente und Mittel, dann gab er ihm eine Spritze. „Das wird ihn stabilisieren, er muss aber für die nächsten 48 Stunden in Beobachtung.“
„Aber sicher! Geht es auch länger?“ Was konnte besseres passieren, als eine Einlieferung in ein Spital? Dort war er unabkömmlich für den Umzug und ich war fein raus! Bingo!
Sofort liessen wir den Helikopter aus dem Privatspital kommen, wo sich der Don auch immer behandeln lässt. Das Spital befindet sich auf einer Insel im nahe gelegenen See, völlig abgelegen und man verlässt das Eiland nur, wenn man offiziell entlassen wird. Widrigenfalls steht weder ein Boot noch ein Flugzeug zur Verfügung.
Der Helikopter war schön rot und landete auf den Punkt genau in der Mitte der Strasse. Ich liess es mir nicht nehmen, mitzufliegen.
Wir wurden höchst professionell empfangen und der Check in verlief reibungslos. Der Günstling war für die nächsten 48 Stunden für den Rest der Welt nicht zu erreichen und ich hatte das Wort des Oberarztes, dass er Dan Dee nicht entlassen werde, ohne sich mit mir vorher abgesprochen zu haben.
Auf dem Rückweg brachte mich der Helikopter zum Auto, wo Asy sich in der Zwischenzeit erholt hatte.
Jetzt hatten wir noch eine weitere Sache zu erledigen. Wir waren übereingekommen, dass wir unsere Beziehungen zum hiesigen Geheimdienst fruchtbar einsetzen wollten. Asy wollte nichts mit diesen Leuten zu tun haben und bevorzugte, bei sich zu Hause noch mit dem Computer rumzuspielen, um eventuell noch mehr über Kah Osz zu erfahren. Wieso er in der Zwischenzeit keine Panik mehr empfand, wenn er an Kah Osz dachte, blieb mir schleierhaft.
Aus einer Telefonkabine rief ich die Nummer, die ich in meinem Handy unter dem Namen Cret Topse abgespeichert habe. Wir haben diese Nummer schon angetroffen, als mein Auslandsausflug im Auftrage des Geheimdienstes nach Bucuresti so kläglich daneben ging. Mein Case-Officer nahm sofort ab. „Wir erwarten keinen Anruf von ihnen, bitte gehen sie aus der Leitung.“ Und schon hatte er abgehängt. Dieselbe Prozedur nochmals. Beim dritten Mal hatte ich endlich die Gelegenheit meinen Notfallcode anzubringen: „Wilde Esel rennen durch die Prärie.“ Ich wurde sofort weiter verbunden.
„Erkennungsnummer?“
„Null Komma nichts.“
„Erste Silbe der Tochter der zweiten Frau ihrer Tante?“
„Petra ist nicht verheiratet.“ Damit hatten wir die Formalitäten erledigt. Wer sich auch immer die Code-Sätze überlegt hat, musste eine Wand weg haben, wie konnte er nur davon ausgehen, dass meine Tante je heirate?
„Ein Taxi wird sie abholen, bleiben sie vor Ort. Der Taxifahrer will wissen, welche Farbe das Auge des Orkans hat. Sagen sie tiefdunkel.“
Also wartete ich auf das Taxi. Die Viertelstunde kam mir unheimlich lange vor.
„Welche Farbe hat das Auge des Orkans?“
„Hä?
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