24.5.06

den A.... aufgerissen?

„Augenfarbe des Orkans?“
„Tiefdunkel!“
„OK, steigen sie ein.“
Ich fuhr mit ihm in die Zentrale des hiesigen Geheimdienstes. Ich wurde noch einmal mit einem Irisscanner identifiziert. Dann führten sie mich in eines dieser Zimmer, die man eher in den billigen Fernsehserien vermutet. Mit einem Tisch, der an den Boden geschraubt war, zwei billigen Stühlen aus Stahlblech, einem riesigen Spiegel, der tief hängenden Lampe, mit dem obligaten Schutzgitter, so dass niemand die Glühbirne klauen kann. Ich hockte mich hin und bat um eine Zigarette, die ich anstandslos bekam. Ich steckte sie ein, ich bin ja Nichtraucher, aber wenn sie mich einbüchsen, dann habe ich was zu tauschen mit meinem Zellnachbarn. Der raucht sicher.
Aber so weit sollte es nicht kommen.
„Nun schildern sie uns mal, wieso sie bei uns anrufen, das Notsignal für Auslandagenten absetzen und dann an der Ecke Heimberger und Orbitalstrasse stehen. Das ist ja nicht im Ausland, wenn ich meinen Informanten trauen kann.“ Sein Witz war so faul, wie sein Atem. „ Da ist doch was scheps. Wir sind nicht bereit, ihnen alles zu glauben und den Rest haben sie sowieso erfunden. Also?“
„Ich habe eine wichtige Mitteilung für die Antiterroreinheit, wenn sie mich aussprechen lassen, dann erzähle ich ihnen, um was es geht.“
„Machen sie mal auf kleine Lippe. Wir stellen hier die Fragen.“
„Ich habe ja gar keine Frage gestellt.“
„Jetzt hatten sie genug Spass, kommen sie zur Sache.“
„Morgen sollte der Umzug zum neuen Film mit Dan Dee stattfinden. Und…“
„Wieso sollte? Meine Frau redet nur noch von diesem alternden Schnösel, sie hat sich sogar einen Tribünenplatz vor dem Rathaus gekauft. Das hat mich 60 Eier gekostet.“
„Dan Dee kann nicht am Umzug teilnehmen, er ist krank.“
„Denken sie, ich werde mein Geld zurückbekommen?“ Der Kerl war echt bescheuert. Ich war dabei, ihm zu verklickern, dass in unserer Stadt ein Terroranschlag geplant war und er wollte als einziges wissen, ob er die Tickets seiner Frau für den Umzug zurückerstattet bekomme.
„Die Tickets stecken sie sich mal an den Hut oder sonst wohin. Es ist vorgesehen, dass am Umzug die ganze Unterstadt gesprengt wird. Die wollen die Kanalisation mit Gas füllen und wenn der Gringo oben durchfährt, dann wird gezündet. Buummm! Claro? Geht ein Licht auf? Oder ist immer noch alles dunkel in der einsamen Mansarde, wo ihr Neuron zu hause ist?“
„Werden sie nicht frech! Ich wohne in einer Dreizimmer-Wohnung, mit Blick auf die Berge! – Aber, um was geht es eigentlich? Ich verstehe nicht ganz, was soll die Sache mit dem Gas?“
In diesem Moment ging die Türe auf und ein kleiner untersetzter Mann in grauem Anzug (Dreiteiler, piekfein und sündhaft überzahlt) stürmte herein. „Schon gut, Karl. Ich übernehme.“
Karlchen räumte den Platz und stellte sich in die Ecke.
Der kleine stellte sich vor: „Pohl Lüüp. Inspektor dritten Ranges. Beginnen sie bitte von vorne. Ich will alles wissen, bis in das kleinste Detail.“
Die wollte ich ihm sicher nicht geben und verschwieg alles, dass mit Asy zu tun hatte. Mit einigen Ausflüchten und Vertuschungen schilderte ich ihm die Art und Weise, wie ich an die Information gekommen war. Er hackte nicht nach und er spitzte erst die Ohren, als ich vom Anschlag erzählte und auf welche Art und Weise der Günstling der Weiber in die Luft gesprengt werden sollte.
„Ich habe ihre Akte studiert. Sie sind nicht als Informant geführt. Wieso glauben sie, dass wir ihnen vertrauen sollen?“
„Ich bin doch so gut wie ein Mitglied der Familie.“ Schliesslich bin ich erst kürzlich vergebens nach Bucuresti gefahren und somit habe ich sicher noch eins gut bei ihnen.
„Sie tauchen hier auf, fabulieren wilde Sachen und erwähnen mit keinem glaubhaften Wort, wie sie an diese Information gekommen sind. Ich fühle mich verarscht und das mag ich nicht und wenn ich etwas nicht mag, dann werde ich völlig ungehalten und das heisst…“ Dabei war er aufgestanden, hatte die Stimme immer mehr erhoben und packte mich am Kragen. Wahrscheinlich hatte er Alzheimer, seine Hand schüttelte mich erheblich.
„Habe ich schon erwähnt, dass es sich um einen Anschlag von Kah Osz handelt?“
Da liess er mich los, holte tief Luft, zückte sein Handy und keifte hinein: „Vier Überfallwagen. Sofort. Pyrotechniker inklusive. Sofort. Ich erwarte sie vor dem Seitenausgang.“
Dann zu mir: „Kommen sie mit. Wenn das ein Narrengang wird, dann haben sie ein gemütliche Einzimmerwohnung mit schwedischen Gardinen für die nächsten 300 Jahre. Und ich werde persönlich mich dafür einsetzen, dass im Knast ihre Vorliebe für Männer jeden Alters bekannt wird.“
Da wurde mir mulmig. Ich hoffe, Asy hatte sich bei der Interpretation der Daten nicht geirrt. Ich stand auf dünnem Eis. Und wenn der mich noch als warmer Knastbruder bekannt machte, dann schmolz diese Schicht schneller als ich weglaufen konnte.
Wir rannten die Treppen hinunter. Er voraus. Vor der Tür erwarteten uns die Autos, Blaulicht am rotieren. Sobald wir eingestiegen waren, dröhnten vier Sirenen los und wir brausten in Höchstgeschwindigkeit durch die Stadt. An der Kreuzung, die ich ihm angegeben hatte, hielten wir an. Kurze Lagebesprechung. Die Autos liessen wir auf der Kreuzung stehen. Während der Herfahrt hatte Herr Lüüp die Verkehrsleitzentrale angewiesen, den Autostrom umzuleiten. Wir hatten die ganze Kreuzung für uns. Jedes der vier Teams ging in eine Windrichtung, ausgerüstet mit starken Stablampen, Funkgeräten und sonstigem Krims und Krams.
Sie hatten den Auftrag, die Strasse entlang zu gehen und beim dritten Gullydeckel in die Unterwelt abzusteigen. Vor dort würden sie dann sternförmig zur Kreuzung kommen. Alle dreissig Meter sollen sie Bericht erstatten. Wir blieben im Auto sitzen, Lüüp hatte die Türen verrammelt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er als Polizist Angst haben muss, in einem stehenden Auto überfallen zu werden. Wir sind ja nicht in der Vorstadt von Saõ Paolo. Wenigsten mussten wir nicht draussen im Regen stehen, der sich mittlerweile ganz heftig über die Stadt ergoss.
Die armen Schroter, die da in die Gullys steigen mussten. Da kam wohl eine rechte Dreckbrühe zusammen und sie da mittendrin. Der Funkkontakt der ersten Equipe krächzte aus dem Walky Talky.
„Keine besonderen Vorkommnisse, ausser dass das Wasser rasant ansteigt.“
Eben kein Zuckelecken, aber insgeheim freute ich mich darüber, dass die da unten nicht nur eitel Sonnenschein antrafen, so etwas wie gerechter Ausgleich dafür, dass sie mich so oft gebüsst hatten.
Das ging so eine ganze Weile. Nichts Weltbewegendes. Ich bekam langsam kalte Füsse. Wenn die nichts entdecken, dann brauch ich keine Wohnung mehr suchen.
„Wir sind alle gleich hier unter der Kreuzung, wir haben nichts gesehen. Wir kommen jetzt rauf.“ Herr Lüüp stieg aus. Meine Tür bleib verriegelt, wie wenn ich nicht auch auf mit selbst aufpassen könnte.
„Der hat dich angeschmiert und du hast einen ellenlangen Rapport zu schreiben, wie es kommt, dass du mit vier, he VIER Einsatzwagen durch die Welt gondelst und dabei noch die ganze Verkehrsführung der Unterstadt durcheinander bringst? Der Chef reisst dir den Arsch so weit auf, dass der ganze Umzug Dan Dees darin Platz findet.“ Er hatte einen höhnischen Ton und schien sich ob dem Malheure seines Kollegen zu freuen.
Dieser wandte sich mir zu. „Hast du gehört, was mir blüht? Das ist dein Verdienst und ich lasse dich gerne teilhaben!“