29.5.06

Tiangulat, Ludmilla & d’autres chats à fouetter

Blaulicht durch die Stadt ist immer ein Erlebnis. Die Autos verschwinden wie von Geisterhand und Rotlichter laden zum Vollgas ein. Ich wollte gar nicht wissen, wohin er mich brachte, Hauptsache wir kamen vorwärts. Dem Chauffeur wurde wohl der ganze Jahresbonus auf dieser einen Fahrt bemessen. Nur, fliegen wäre schöner.
Pohl hing die ganze Fahrt an der Strippe und koordinierte eine ganze Armee. Auf jeden Fall hatte die ganze Zeit eine dicke Lippe und anscheinend wurde ihm das so abgekauft.
Als wir in der Zentrale der zentralen Dienste ankamen, warteten schon einige schicke Burschen auf uns, die alle so ein kleines Ding im Ohr haben, als seien sie alle schwerhörig, aber das kleine Drähtchen, das so gewunden im Kragen verschwand, sprach Bände. Da musste noch mehr dranhängen. Nur Phonak alleine konnte das nicht sein. Schwere Jungs, wenn das nicht Muskeln wären.
Sie umringten uns, den Blick gegen aussen gerichtet. VIPer als das war ich noch nie.
„Überrascht?“ Lüüp im O-Ton. Darauf aus, meine Anerkennung zu schlürfen. Austern der Eitelkeit.
„Habt ihr das nicht auch weniger auffällig? Man braucht ja nur in die Mitte zu halten und schon hat es mich erwischt.“
Er lachte, schickte aber seine Jungs ein wenig weiter weg.
Wir gingen durch lange Gänge und erklommen endlosen Treppen. In einem gläsernen Cubicle setzten wir uns hin. Die anderen Gäste wurden vorgestellt und ich war in bester Gesellschaft. Herr B. Sondersschlau, Ludmilla Doppeldenk, Frau Eiss Klugsč und Ierle Schlaume und sonst noch einige andere traurige Vögel. Die ganze Crème und Doppelcrème de la crème. Sofort ging die Diskussion los. Hypothesen wurden durchgespielt, Annahmen verworfen und Meinungen revidiert. Nach zehn Minuten war die Diskussion wo weit fortgeschritten, dass alle durcheinander redeten und ich konnte sogar zwei zählen, die sich keinen Deut darum kümmerten, ob jemand zuhörte, was dann auch keiner machte. Meine Rolle im ganzen Spiel war nie zur Sprache gekommen und so konnte ich mir die nehmen, die mir entsprach. Auf einem Tisch in der Ecke legte ich alle Teile, die ich unten an der Leiter gesammelt hatte. Ich gratulierte mir noch einmal für die Weise Voraussicht, die mir diese Handschuhe in den Weg gespielt hatte.
Das verbeulte Gehäuse, das Drahtgehäuse, die Scherben des Glases, die Reste des Dochtes, der unter dem Sturz zerbröselt war, der Henkel, die verschiedenen Deckel und am Schluss, das kleine Kästchen aus schwarzem Ebonit. Die Diode tanzte immer noch ihren Zweitakter: ein-aus-ein-aus. Die Kiste war noch unter Strom! Heiligs Guëtzli! Wenn da auch nur zur Hälfte Semtex drin ist, dann reicht ein Knopfdruck und wir sind zu Brei. Vorsichtig wollte ich das gute Stück in die Waschküche tragen. Draussen vor der Tür hielten mich die grossen starken Kerle auf.
„Wohin? Wir haben dich hierher gebracht, das war unser Auftrag. Dass du gleich wieder raus kommst, steht nicht im Drehbuch und also dreh und nüscht wie rein in die jute Stube.“
Mir lag eine pfeffrige Antwort auf der Zunge, aber wurde mir Gewahr, dass ich es mit Profis zu tun hatte. Die Fackeln nicht lange, die gehen gleich aufs Ganze. Aber da es Profis sind, ist ihre Reaktion auch kalkulierbar und ich versuchte mein kleines eins-mal-eins: langsam hob ich den Handschuh, in den ich den Sprengkörper gesteckt hatte, zeigte überflüssigerweise auf das kleine rot-schwarz-rot-schwarz, schaute dem Oberarm in die Augen und flüsterte ganz leise „bumm“. Das Training zeigte sich von seiner besten Seite. Er begriff schneller als er den Anschein gab. Seine Dienstwaffe kam wie von Zauber in seine Hand. Ein seltener Pfiff und seine Kumpels waren in Lauerstellung, die Augen gegen aussen, die Schlagbolzen der Waffen gespannt. Standardsituation und Standardreaktion. Aber adäquat? Ich brachte den Corpus delicti in eine leichte Schwingung, das erhöhte den Effekt der Blinkerei enorm und jetzt dämmerte es auch denen, die weiter weg standen. Einige geflüsterte Worte in Halsmikrofon und einer der Bulligen zog sich aus. Ich verstand nicht ganz, aber als er seine kugelsichere Weste auszog und darin mein Packerl einwickelte, fühlte ich mich ein wenig besser. Die wussten wie und taten es auch. Sie mussten über Funk noch mehr gesagt haben. Da kamen weitere mit einem Sack, der aussah, als sei er hundert Kilo schwer. Sie legten den Packen aus Zünder, Handschuh und Weste hinein. Der Stoff des Sacks war eine Schichtung aus Kevlar, Kettenhemd und Fischbeinstäbchen, solid und kaum aus der Form zu bringen. Der eine hatte sogar eine weitere Weste mitgebracht. Der im Hemd zog sie sich über und war wieder geharnischt.
So eine Weste hätte ich auch gerne gehabt. Ich hatte mir auch mal eine angesehen, aber als ich das Preis-Leistungsverhältnis durchspielte, indem ich auf anraten des Verkäufers eine halbe Stunde damit herumlief, legte ich mir was Leichteres zu und die hatte dann wenigstens eine Kapuze.
Meine neuen Kumpane hatte alles im Griff und brauchte da nicht auch noch rumhängen, also ging ich wieder in die Klausur, wo sich noch immer alle stritten und sich trefflich ergänzten. Ich zog einen weitern Handschuh aus meiner Tasche, band ihn um die grosse Plastikflasche des Getränkespenders und machte einen festen Knopf. Dann zog ich den Gummi soweit es ging und, nicht ohne Genuss, liess ich die gespannte Kraft los. Der Effekt war überwältigend und ging weiter, als was meine Absicht war. Der Knall, den ich so verursachte, den hatte ich mir ausgemalt und gewünscht, aber womit ich nicht gerechnet hatte, war die Brüchigkeit der PET-Flasche, die in entzwei brach.
„The audience is listening“ hätte ich jetzt gerne Lucas Art zitiert, aber ich war mir nicht sicher, ob ich mit English den Ton getroffen hätte. Alle sahen mich und die Schadenszone an.
„Wenn wir noch lange hier rum sitzen, dann werden wir nie das Ziel erreichen!“
„Welches Ziel?“
„Mensch, wir haben ein Stück modernsten Terrorismus in der Hand und da fragt Schlaume Ierle noch: welches Ziel? Ich schlage vor, dass wir den ignition device (Zünder) sofort demontieren lassen. Wir werden auf eine kleinen Empfänger stossen und mit einigen wenigen Untersuchungen sollten wir in der Lage sein, die Frequenz zu eruieren, auf die er reagiert – dazu sollte erst der Sprengstoff und die Sprengkapsel entfernt werden, da es sonst leicht ins Auge gehen kann.“ Allgemeines Nicken und Lüüp hängte sich an sein Natel. Alles war innert kürzester Zeit organisiert, die Staatsmacht kann unheimlich schnell drehen, wenn sie weiss was, gedreht werden soll. Wir hatten bald die Frequenz, eine ganz tiefe, wie sie auch von U-Booten verwendet wird. Mit solchen Signalen werden die strategischen Atomboote selbst in tiefen Ozeanen angefunkt, oder diese melden sich beim HQ. Die eigentliche Kommunikation aufnehmen erfolgt dann auf anderen Wellenlängen und dazu muss das Boot auftauchen. Auf dieser Frequenz läuft nur die Signalisierung, ihr Vorteil ist die starke Durchdringung, ihr Nachteil, die spärliche Nutzlast, Daten, die sie transportieren kann. Damit hatten wir schlechte Karten, die Reichweite dieser Frequenz ist unendlich und wenn wir die Quelle orten wollen, dann sollten wir eine gute Triangulation bewerkstelligen. Nicht so einfach, wenn die Quelle weit weg sein kann.
Aber die Tüchtigen haben Glück! Ludmilla war der Schlüssel zum Erfolg! Sie hatte einen Göttergatten (ihre Worte!), der in der Marine General war, der hatte Zugang zu all den Satelliten und den angeflanschten Gimmicks der Militärs. Ein kurzes Geturtel (alles in Code, versteht sich) und wir waren über einen sicheren Kanal mit dem Oberbefehlshaber der U-Boot Flotte in Kontakt. Dieser verband weiter mit den Technikern und die waren sich bald einig. Ein leichtes, die Computer so zu programmieren, dass alle Satelliten, die über unsere Hemisphäre ihren Runden zogen nur noch auf dieser Frequenz horchten.
Mich wunderte, wie Kah Osz es geschafft hatte, sich diese Technik anzueignen. Kein Pappenstiel und nur wenige Experten, die sich dieses Revier teilen. Doch wir hatten noch andere Katzen zu peitschen (d’autres chats à fouetter). Auch wenn dan Dee in guten Händen war, wir mussten uns etwas einfallen lassen, damit die Attentäter allen Grund hatten, die Bombe zünden zu wollen. Das heisst, sie müssten glauben, dass alles so läuft, wie sie sich das vorgestellt hatten.
„Optionen, meine Herren ich nehme Anregungen entgegen.“ Diesen Ton kannten sie, konnten sich darauf einlassen und machten ihr bestes daraus.