„Noch drei Minuten!“ Ich konnte Pohl kaum hören, eine schrille Sirene füllte das Quartier. Wir sahen auch auf den Monitoren die orange Lampe, die an der Hauswand blinkte. Ganz normale Schutzeinrichtung. Eines war klar, besondere Vorkehrungen zur Lärmvermeidung waren nicht mehr nötig. Ich war in Lauerstellung, wunderte mich, dass ich nicht früher an das Testament gedacht hatte.
„Meinen Goldhamster vermache ich dem Service…“
„Go, go, go!“ Pohl schlug mir noch auf die Schulter, „viel Glück!“ Ob das reicht?
Mit einem wilden Satz war ich an der Mauer. Mit einem noch wilderen Satz versuchte ich diese zu übersteigen. Es war wohl angebrachter, wenn ich mich mit Intelligenz an die Sache mache, die Mauer war höher als im ersten Anlauf eingerechnet. Dabei habe ich mir die Hand geschürft, hoffentlich genug für eine Auszeichnung oder ein Ehrenabzeichen. Ich kletterte an einem Busch in die Höhe und konnte den rechten Fuss auf die Mauer setzen. Mit meiner Ausrüstung konnte ich all die scharfen Kanten und Spitzen ignorieren. Ein Overall aus Glasfaserverstärktem Neoprem schützte mich gegen alle Anfeindungen. Sogar Pistolenschüsse kleineren Kalibers sollte diese Kleidung abhalten, so der Spezialist. Mir soll es recht sein, ich hätte es gerne gehabt, wenn jemand daran gedacht hätte, eine Kühlung einzubauen. Neoprem ist ja nicht unbedingt eine Klimamembrane. Mit einem eleganten Satz sprang ich in den Garten, die Sirene brüllte immer noch ihre Unbill in die Welt und so war der Lärm der brechenden Äste zu vernachlässigen.
„Wir haben eine Bildstörung, wiederhole Bildstörung, werden auf Reservecircuit umstellen müssen, der Fall hat wohl irgendetwas kaputtgemacht. Passen sie bitte besser auf!“
Im letzten Moment konnte ich mich zu Boden werfen, ein Mann in grünem Overall kam um die Ecke gerannt und blickte zum Glück über seine Schulter in die Richtung, wo der Tankwagen lag. Er rannte sehr schnell und verschwand in einem Kabäuschen, wo man die Werkzeuge lagert. Er wollte wohl die Rosenschere holen, um die gebrochenen Zweiglein zu kürzen. Da er keine Ordnung in seinem Schuppen hatte, blieb er eine Weile drin, und bevor er wieder raus kam schlich ich mich an das Haus. Die Küchentür stand offen und ich versicherte mich mit einem dieser kleinen Spiegel auf Stil, dass sie leer war. Behände schlich ich mich in die Vorratskammer und ass eine dieser würzigen Würste, für die Kathalunquia so berühmt ist. Dabei gelang es mir, den Puls wieder zu stabilisieren und Luft zu holen.
„Kontakt wieder auf allen Kanälen, Reservecircuit ist etabliert.“ Gut zu wissen, dass mein Himmelsfahrtskommando später einmal als Realty-Show über den Schirm flimmern wird.
Ich hörte Stimmen, die sich im Idiom der Kathalunquien unterhielten. Mir schien, dass sie gleich hinter der Tür des Vorratskammer standen, aber das war sicher nur eine Täuschung meiner Sinne, die sich in einer ungeheuren Anspannung befanden. Pohl hatte mir versprochen, dass alle Aufmerksamkeit des ganzen Haushaltes auf die andere Seite gerichtet sei. Ich schlich mich ganz vorsichtig in die Küche zurück und umschiffte die zentrale Kochstelle. An der Ecke angekommen konnte ich in die Eingangshalle blicken. Dort standen drei Sicherheitsbeamte hinter einem und berieten, was sie auf ihren Monitoren sahen. Der Winkel war ideal, man konnte fast die ganze Halle überblicken und da wir ja die neuesten Techniken zur Verfügung hatten, klebte ich eine der Wanzen unter die Fettrinne, die den Dampfabzug über der Kochstelle umrahmte. Im Knopf, der mir im Ohr steckte gratulierte mir der Einsatzleiter. Anscheinend hatte er schon die ganze Zeit auf mich eingeredet, aber ich merkte erst jetzt, dass er mich mit guten Ratschlägen berieselte. Er hatte eine direkten Link in die Einsatzbrille, die mein Gesichtfeld übermittelte und ihm sogar anzeigte wohin ich blickte. Er hatte mir erklärt, welche Algorhythmen verwendet wurden, um meine Augenstellung zu analysieren und auszuwerten, aber ich habe das alles wieder vergessen und wenn es Sie interessiert, dann wenden sie sich bitte an die Hochschule für Biometrik, Abteilung okulare Analyseverfahren und die können dann weiterhelfen.
Das mit der Wurst hatte er gar nicht goutiert, auf jeden Fall machte er mir andauernd Vorwürfe diesbezüglich. Es war nur im Notfall vorgesehen, dass ich über den Audiokanal mit ihm in Verbindung trat. Damit er mich endlich in Ruhe liess, zeichnete ich eine Hand mit einem gestreckten Mittelfinger in den Staub unter der Küchenkombination. Er verstand, wollte aber, dass ich diese Zeichnung wieder verwischte, es sollte ja so wenig wie möglich von meinem Besuch zurückbleiben. Ich sah mich in der Küche um, es hatte eine weitere Türe dahinten. Da es mir nicht möglich war, in die Halle zu gelangen, ging ich hin und öffnete sie. Der Einsatzleiter brach in Jubel aus, hier war die technische Zentrale, der Überwachungsanlage. Wieso er das so genau wusste, blieb mir unklar, es waren bloss einige Schaltkästen, wie man sie in den Filmen sieht, wenn es darum geht, technische Komplexität darzustellen. Er wusste ganz genau, wo ich die entsprechenden Klemmen anbringen und welchen Typ Wanze ich aufschalten sollte. Die Anweisungen waren einfach und mit Bravour gelang mir das Kunststück. Wir waren somit online mit der hauseigenen Überwachung und die war schon fast lückenlos. Einzig der Schlafraum des Botschafters war nicht mit Bild und Ton aufgeschaltet.
„Schade, Segofredo hat einen sehr guten Geschmack, was Frauen anbelangt.“ Ich fragte mich, woher der Einsatzleiter diese Information hatte. „Komm zurück, wir haben mehr als wir uns erhoffte hatten. Mission is aborted.“
Diese Mitteilung machte mich quicklebendig. Alles ein Erfolg! Ich werde Agent dritte Klasse. Vorausgesetzt, ich konnte mich ungesehen davonschleichen. In meinem Rücke hörte ich eine Tür zuschlagen. Der Luftzug hatte die Küchentür erfasst. Ohne Vorwarnung kam einer der Aufpasser und warf eine prüfenden Blick in die Runde. Ich konnte es hautnah miterleben. Zum Glück lugte ich aus dem Schlüsselloch. Er konnte mich nicht sehen. Aber es wurde mir dann doch mulmig, als der Kerl langsam durch die Küche ging und in alle Ecken guckte, um sicher zu sein, dass niemand unerlaubter Weise hier war. Meine Gegenwart hätte ich wohl kaum erklären können und ich machte das verabredete Zeichen höchster Gefahr. Das Zeichen kaum übermittelt und schon riefen die Kollegen des Aufpassers etwas. Dieser rannte ohne zu Zögern in die Halle. Im Anschluss an die Mission zeigte mir der Einsatzleiter, was sie angestellt hatte, um die Gefahr abzuwenden. Sie hatten einige Bannerträger aufgestellt, die sich jetzt durch das Loch in der Umfriedung auf das Gelände stürzten. Was auf den Bannern stand, weiss ich nicht mehr, aber eigentlich gab es immer wieder eine Organisation, die gegen die Methoden und die Politik von Kathalunquia demonstrierte. Warum nicht auch heute?
Für mich war das das Zeichen, den Rückzug anzutreten. Ich rannte auf leisen Sohlen zur Tür und wollte raus. Aber die Tür liess war verschlossen. Ich konnte sie nicht öffnen. Die war verriegelt. Verzweifelt suchte ich nach dem Schliessmechanismus, nichts zu finden.
„Geh in die Halle“ der Einsatzleiter hatte die Situation so schnell begriffen wie ich, was ihn auszeichnete. „Die Wachleute sind draussen und jagen unsere Demonstranten. Wir kontrollieren die Kameras die Bilder können wir jederzeit manipulieren, aber bevor du raus gehst, zieh den Overall aus. Sie werden denken, dass du auch ein verirrter Demonstrant bist.“ In Windeseile war ich aus meinem Anzug und steckte ihn in einen Sack der da in der Vorratskammer rumlag. Darunter trug ich normale Strassenkleidung, wenn auch nach meinem Geschmack die Karohose nicht mehr sehr zeitgemäss war. Im Vorbeigehen schnappte ich mir noch einige Würste. Es war nicht anzunehmen, dass Pohl zu meinem Debriefing eine Verpflegung eingeplant hatte und ich wollte nicht die ganze Nacht hungrig herumsitzen. Der Einsatzleiter hatte es nicht gesehen, weil ich alles hinter meinem Rücken machte. Er hätte mich sicher bei Pohl verpfiffen.
Über die Mauer war ein Klacks und wenn ich mich nicht mit dem Schnürsenkel in der Umfriedung verfangen hätte, wäre ich nicht Kopf voran in die Strelizien gekracht. Ich mag ja die Botanik, aber wenn sie stachelig ist, dann steht mir der Sinn schon eher nach round-up .
26.6.06
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