3.7.06

Rückschlag bis zum Umfallen

Vierte Klasse! Darüber gab es nur noch die Sonderklassen mit Spezialisierung. Das wäre dann noch eine Diskussion wert, aber vierte Klasse! Bingo ich bin der Champion.
Langsam zog der Kegel, des Penetrationsradars durch die Stadt auf die Stelle zu, wo der Geräteschuppen der kathalunquischen Botschaft liegt.
„Komm schon, komm schon…“
„Mit der Ruhe Pohl, dein Herz ist erträgt deine Eile kaum. Morgen ist immer ein andere Tag.“ Der Doktor schien intelligenter, als was ich als Eindruck von ihm hatte.
„Herr Pohl…izist“, ganz offensichtlich mochte er meinen Wortwitz nicht, „wann kann ich den mit der Ausbildung anfangen?“
„Nicht jetzt. Du hast es verdient, aber nicht jetzt.“ Er konnte seinen Augen nicht vom Bildschirm lassen. Geschickt bediente er das Interface, es erlaubte, in drei Dimensionen die Bilder vom Radar anzusehen. Um mir zu zeigen, welche Auflösung möglich war, zeigte er mir die Etiketten der Weinflaschen, die in einem Keller lagen. In meinem nächsten Leben werde ich sicher Ingenieur, da gibt es so viel zu tun!
„Jetzt haben wir ihn!“ Mit eklatanter Deutlichkeit sahen wir, dass der Schuppen in die Unterwelt führte. Ein senkrechter Abstieg, der fast ein Dutzend Meter in die Tiefe führte. Dort ging ein Gang weg, der in die Kanalisation mündete.
Pohl gab eine ganze Liste von Anweisungen und dank der Technik wurden in wenigen Minuten die Kanalkarten auf unserem Computer dargestellt.
„Schade, der ist weg“ murmelte ich, wenn Pohl einen grossen Erfolg feiert, dann kann ich damit rechnen, während der Ausbildung noch ein Stipendium zu beziehen. Auf jeden Fall klassifizierte ich diesen Gedanken unter der Rubrik „erwägenswert“.
„So sicher bin ich nicht, der Kanal in den er eingestiegen ist, hat erst hier hinten wieder eine Ausstiegsstelle, bis er da ist muss er eine ganze Weile laufen! Cross over to sector 12 43, sweep in low resolution and scan for human size infrared signature.“ Der Technoslang kam ganz natürlich und hätte ich einen Chapeau (en français dans le texte), dann hätte ich ihn gezogen. Der Kerl war sein Geld wert und ich hatte ihn in der Tasche. Er wird Karriere machen und das dank mir! Meine Zukunft war in besten Händen.
Plötzlich kam eine grosse Unruhe auf.
„Wow, der sitzt in der Falle! Let’s go.“ Das hatte er nicht direkt zu mir gesagt, aber ich tat so, als sei es selbstverständlich, dass ich mittrabte, schliesslich gehörte ich ja schon fast zur Familie. Auf dem Weg zum Streifenwagen, der um die Ecke stand, sprach er andauernd in sein Intercom. Leider konnte ich nicht alles verstehen, aber ich war sicher, dass wir die Stelle für uns reservierten, wo der Sprengmeister mit der grössten Wahrscheinlichkeit aufzugreifen war. Am liebsten wäre er selbst gefahren, aber sein Status als Einsatzleiter erlaubte ihm nicht, ans Steuer zu sitzen. Mit Vollgas fuhren wir durch die Stadt.
„Wieso sitzt er fest?“ wollte ich wissen, als er eine Weile verschnauft hatte.
„Die haben im Haupttunnel eine Baustelle, die sie nachts verriegeln, sonst ist da alles voller Penner. Und das heisst, er muss eine ganze Weile laufen, bis er zu einem Ausstieg kommt. Ich bin sicher, dass er den ersten Ausstieg nehmen will, der ihm über den Weg kommt und wenn er nicht ein ausgesprochener Athlet ist, dann hat er in der Zeit, seit er dir über den Weg gelaufen ist, eben diesen Ausgang noch nicht erreicht. Er muss ja zuerst feststellen, dass der Ausgang am Hauptkanal verriegelt ist.“
„Und wenn er das mit der Baustelle wusste und Vorkehrungen getroffen hat?“
Pohl wurde käsebleich, fluchte ausgiebig und schrie Anweisungen.
„Vier Streifenwagen an den Ecke Traberweg, Taubengasse und mit voller Artillerie den Kanalausgang gesperrt, Einsatzdoktrin hidden ambush, non lethal intercpetion, armed target, wenn einer raus will, dann lasst ihn kommen und nehmt in fest. Der der ihn fasst, hat eine Beförderung auf sicher.“ Die Motivation sollte auf dem Höhepunkt sein. Wo die diese Fachausdrücke hernehmen ist mit immer wieder ein Rätsel, wahrscheinlich haben sie sich eine Wagenladung dictionaries rein gezogen und jeder darf mal ein Wort raussuchen, aber wenn es ihnen hilft, efficient zu sein, all the better.
Pohl kaute seine Nägel und spuckte die Bitzen aus, die abgebissen hatte, kein feiner Anblick, aber im Moment war ihm das wohl völlig egal und die Politesse war sowieso nicht seine erste Wahl.
„Wenn es ihnen nicht ausmacht, dann spucken sie ihn ihrem Wohnzimmer,“ sagte die Fahrerin. Ein Weib mit Chuzpe, da gehört schon Mut dazu, so einem Chef die Meinung zu sagen. Verdutzt sah er sie entschuldigte sich.
Wir preschten weiter durch die Stadt und da kam mir die Frage mit der Waffe. Wenn wir den Kerl festnehmen sollten, dann sollten wir doch irgendwie bewaffnet sein, sonst läuft er uns einfach davon.
„Solange du nicht im Service bist, bekommst du keine Waffe. Da kann man gar nichts machen.“ Und er reichte mir eine Pistole, geladen und gesichert. „Schiessen bloss im Notfall, die Munition ist nicht tödlich, fällt aber jeden Gegner garantiert, wenn du richtig triffst natürlich. Pass auf, der Rückschlag ist mörderisch.“