„Du hängst deine ganze Karriere an die Aussage deiner Kumpels, die dich nicht mögen? Deren einziger Trost ist dein Untergang. Deine Laufbahnplanung ist soviel Wert, wie dein Arsch, wenn der Chef mit dir fertig ist. Wenn du mich mit in den Abgrund reissen willst, dann habe ich noch einen letzten Wunsch frei. Gib mir eine Taschenlampe und lass mich sicherstellen, dass ich wenigsten versucht habe, dem Teufel ab dem Karren zu springen. Eh, daccordo?“
„Und was wird aus meinem Anzug?“ Der hatte ein Fell so dick, wie seine Begriffstutzig-keit im Quadrat.
„Wenn dir geschieht, was dir dein Kollege so sehnlich wünscht, dann ist deine Weste gleich dein Leichentuch.“ Mit diesen Worten konnte ich ihn aus seinem Stupor reissen. Er konnte es aber nicht lassen, seine Weste und sein Gillette auszuziehen und eine dieser Unfalljacken anzuziehen, die in den Polizeiautos einfach so rumliegen. Dann liess er mich raus. Er hatte sich rein routinemässig diese Handschuhe auf feinem Latex angestreift und hielt mir den Packen hin. Im Moment sah ich keine Verwendung, wenn die Hände da unten schmutzig werden sollten, dann konnte ich sie ja waschen. Aber aus Gewohnheit liess ich mir so eine Chance nicht entgehen und stopfte eine Handvoll in die Westentasche.
Wir packten unsere Sache und stiegen in den Untergrund. Die Abwässer tosten durch die engen Röhren und wir konnten kaum miteinander reden. Ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte. Wir gingen durch all die Röhren und leuchteten in den hintersten Winkel, keine Spur einer Bombe. Ob ich im Knast wohl in der Bibliothek arbeiten durfte? So hatte ich wenigstens immer was zu lesen.
Ich liess nicht locker, der Kerl wollte schon lange wieder an die frische Luft. Aber für ihn war nur die Karriere im Arsch, wie bei mir alle im Arsch sein werden, wollte ich mir gar nicht ausmalen. Doch nach einer weiteren Weile intensiven Suchens gab ich mich geschlagen. Mit den Geldern des Don und was wir sonst noch verdient hatten, konnte ich mir einen Starverteidiger leisten und wer weiss, das könnte mir vielleicht aus dem Schneider helfen. Beim Aufstieg stiess ich mir den Kopf an einer Funzel, wie sie die Kanalratten verwenden, wenn sie eine gefährliche Stelle ausleuchten. Ich hatte mir den Kopf ziemlich stark angestossen und die Tranlampe fiel krachend zu Boden. Ich fluchte laut und deutlich, vor lauter Schreck hatte ich meine Taschenlampe fallen lassen und ich musste noch einmal nach unten steigen, um sie zu holen. Mein Glück! Gleich unten an der Leiter lagen die Reste der Lampe und in der Mitte der Reste blinkte ein roter Punkt. Hell – dunkel – hell – dunkel, ich brauchte wirklich nicht lange, bis mir ein Licht aufging. Da war was elektronisch im Staate Dänemark! Der zündende Funke, eine rote Leuchtdiode. Ich tapste ein wenig im Dunkeln herum und fand die Taschenlampe. Alles bei Lichte besehen und der Fall war klar wie Klossbrühe! Ich hatte den Zünder der Apokalypse in der Hand. Sofort legte ich alles wieder hin und schimpfte mit mir. Ich griff nach dem Taschentuch, um die Beweisstücke wenigstens notdürftig für die forensischen Untersuchungen zu schützen, da war mir Fortuna nochmals zur Hand und führte meine Suche an den Medizinerhandschuhen aus feinstem Gummi vorbei. Darin wickelte ich alles ein. Dabei sah ich mir die Teile gut an. Mit diesem fernbedienten Ding wollten sie die Gas-Luft Mischung mit dem nötigen Fünklein versehen, der Funke über Funk quasi. Ich machte einen kleinen Freudetanz, der Knast war wieder in weite Ferne gerückt. Alle Müdigkeit fiel von mir ab und zerschellte scheppernd am Boden. Im Nu die Leiter hoch, dort wartete schon lange Pohl auf mich.
„Was spielst Du denn? Ich wollte soeben meine Kumpels runterschicken, damit sie dich an den Ohren aus der Kanalisation holen.“
„Die nennst du Kumpels? Die wollten dich schon den Hyänen vorwerfen und du nennst die noch Kumpels? Feine Freunde sind das, halt dich an sie, dann hast du wenigstens Zuschauer, wenn du verheizt wirst.“
Er war wenig beeindruckt, aber ein kleines Leuchten auf dem Hintergrund seiner Augen zeigte, dass irgendwo ein, zwei Synapsen an der Arbeit waren. Und das im Staatsdienst. Freude herrscht.
Da er mich so ruppig ins Auto stiess, zeigte ich ihm die Funzel mit dem Funkzünder noch nicht, sollte er sich doch noch ein wenig mit dem Gedanken einer frühzeitig beendeten Karriere herumschlagen, sich vorstellen, wie die Bälger zu Hause unausstehlich werden, weil der angetrauten Schrecke das Haushaltsgeld für die happy meals ausgegangen ist und was sonst noch ein Hausvater alles ankarren muss, damit der Haussegen nicht allzu schräg in der Landschaft hängt . Das tönt jetzt, als sei ich ein ganz böser Junge, aber er war wirklich nicht nett mit mir. Und für Bullen ist es eine neue, heilsame Erfahrung einmal à la baisse spekulieren zu müssen.
Die Rückfahrt verlief sehr schweigsam. Anscheinend war er wirklich dabei, sich von seinen Privilegien des Staatsdienstes zu verabschieden. Sein Blick war so wässrig und wenn er mich ansah, hätte er wohl am liebsten mich aus seinem Blickfeld geschnitten und als Sondermüll entsorgt. Ich werde mir einen anderen Cop suchen, dem ich die gute Nachricht zukommen lasse.
Auf der Wache angekommen, wurde ich kaum durchsucht, ich hätte wahrlich eine ganze Armada mit in die Zelle nehmen können. Auf jeden Fall, fiel es keinem auf, dass ich in meiner Westentasche die Funzel in vierzehn Einzelteilen hatte. Ich wurde in eine Zelle geführt, wo mehrere Insassen auffuhren, als wir mit Getöse und Gekeife eintrafen. Ich verstehe nicht, wieso der Aufseher auf dem Weg durch den langen Gang mit seinem Schlagstock den Gittern entlang fuhr, dass der ganze Schlag davon erwachte. Das hatte Methode, er machte das in Gedanken verloren und ohne zu überlegen, die sind halt so – lausige Polizisten, unterbezahlt und der einzige Trost ist die kleine Macht, die sie haben, weil sie ihre Mediokrität mit einer Dienstmarke maskieren können. Kleine Männer mit kleiner Macht sind die schlimmsten. Damit lassen sich ganze Regimes aufbauen. Aber nicht alle sind so. Ein anderer, der uns begleitete, schien ganz in Ordnung. Er hatte es nicht nötig, sein Ego künstlich aufzublasen, er hatte sogar ein freundliches Wort für einen Insassen, der anscheinend krank war. Ich zupfte ihn an Ärmel und fragte, ob er die ganze Nacht hier sei. Er nickte und sagte mir, ich solle ihn nur rufen, wenn ich etwas brauche. Die erste Nacht sei immer die schlimmste und er helfe gerne, wenn es in seiner Macht stehe.
„Kommen sie um halb zehn, ich habe einen Scoop für sie.“ Er blickte mich neugierig an, aber nickte bloss.
In meiner Zelle angekommen, hätte ich es kaum schlimmer treffen können. Der, der ganz unten schief, hatte sein Socken das letzte Mal bei seiner Geburt gewechselt und seither immer nur Kunststoffschuhe getragen. Der, der in der Mitte lag, schnarchte eine Vollrausch aus, er stank nach billigem Fusel. Ich schwang mich in die dritte Etage und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Unmöglich, in den Zellen herrschte emsige Unruhe. Die einen kicherten, die anderen wimmerten, die dritten machten sonst irgendwie Lärm, kurz ein Bienenhaus ist ein Alterheim dagegen. Der Trick mit den Stock, der gegen die Gitter schlägt, hatte Erfolg, wir litten darunter. Ich wartete gespannt auf zehn Uhr. Hoffentlich kam der Typ, sonst habe ich den Bus verpasst. Ein wenig unruhig, meinen Joker mit nur einer Karte auszuspielen, machte mit Kummer. Wie konnte ich es soweit kommen lassen? Ich nahm mir vor, dass ich in Zukunft nie mehr nur ein Pferdchen im Stall halten werde. Zehn Uhr zehn.
„Ich bin verkauft, Dave, dein dümmstes Gesicht, das machst du jetzt! Wenn du nur ein wenig vernünftiger wärst. Pohl Lüüp war ja nicht so schlimm. Klar ein Kotzbrocken, aber als solcher nur Mittel zum Zweck, sicher nicht wert, dass du darob die Nerven verlierst und die Ziele aus den Augen.“ Ich ging hart mit mir ins Gericht, aber das brachte mich auch nicht weiter. Wo blieb denn meine Hoffnung.
„Hier bin ich. Was wolltest du denn von mir? Mir sagten deine Augen, dass du eine wichtige Sache in petto hast.“ Der Kerl hatte Menschenkenntnis. Chapeau (en français dans le texte).
„Hei Mann, du bist der Sonnenschein in diesem dunklen Loch. Dein Vertrauen soll dir zugute kommen. Lass uns an einem ruhigen Ort eine Sache erläutern, die für dich der grosse Durchbruch sein kann.“
„Grosser Druchbruch? Den habe ich nicht mehr nötig. Den hätte ich vor 30 Jahren gebraucht, damals habe ich noch auf der anderen Seite der Polizeiabsperrung gearbeitet und den Tresor, den wir in Arbeit hatten, hätte ausgereicht, um mich und meine Familie für mehr als 67 Jahre zu versorgen, gut zu versorgen. Aber jetzt. Komm wir gehen in die Waschräume.“ Er öffnete die Tür. Wir gingen in die Fliesenabteilung. Eiskalter Klinker.
Mit wenige Worte schilderte ich ihm meinen Fall, zeigte ihm das Material und erklärte zwei, drei Zusammenhänge.
Er hatte überhaupt keine Mühe zu folgen. Keine unnütze Frage, die mich unterbrochen hätte, fully professional. Ein echter Cop.
„Ok, Mann, da haben wir einen grossen Fisch an der Angel. Mit den normalen Döschen für die alltäglichen Sardinen werden wir hier nicht weiterkommen. Grosser Fisch, grosse Pfanne. Ich habe einen Kumpel, der zieht Fäden wie ein Käse, aber nicht im Caclon sondern in der Geheimdienstfiliale unserer Stadt. Ich mach ihm ein Mail und bin gleich zurück. Bleib hier, ich komm gleich wieder.“ Die letzte Bemerkung verriet, dass er emotional doch nicht so stabil war, wie es den Anschein gab. Wo hätte ich denn hinsollen? In die übernächste Toilette? Ich setzte mich auf den Rand und verfluchte den letzen Benutzer. Unsauberkeit in den Bedürfnisanstalten ist eine weit verbreitete Ungepflogenheit, die man nicht genug anprangern kann. Leute haltet die Schüsseln sauber! Du weisst nicht, wann sie dir zu gute kommt, die Sauberkeit. Ich lümmelte so vor mich hin, als der Typ von vorhin aufgeregt ins stille Örtchen kam.
„Komm, dein Tipp ist so heiss, dass die Mittagssonne in der Wüste wie eine kühle Brise aus Nordost daherkommt.“ Er packte mich am Arm und mehr gestossen als gezogen taumelte ich durch die Gänge. Woher die Eile?
Diese Frage fand ihre Antwort in der kleinen Stube, die gleich neben den Haupttor lag. Pohl sass auf dem Tisch und kaute in angespannter Unruhe an seinen Fingernägeln.
„Bon appetit!“ Man hat ja seine Erziehung durchlaufen. Er verstand mich nicht und als erstes wollte er mir die Hand ins Gesicht schlagen.
„Du widerlicher….“ Meine Reflexe sind noch gut. Er hatte nicht einmal ausgeholt, aber in seinen Augen war klar, dass er einen Angriff vorhatte. Ich packte ihn also von der daumenlosen Seite der Hand, drehte sei gegen aussen und mit diesem einem kleinen Dreher und einem Schrittchen nach vorn, konnte ich ihn in die Knie zwingen. Das schmerzt und wenn man zu weit geht, dann splittert das Handgelenk. Wenn Sie mir nicht glauben, dass das möglich ist, dann verweise ich sie an die einschlägige Literatur, die solche Themen schildert und falls Sie dann die Umsetzung erlernen wollen, nehmen Sie sich einen Lehrer. Selbststudium ist gut für die Eierköpfe, Handeln lernt man besser von einem erfahrenen Lehrer. Doch wir sind nicht hier, um Sie zu belehren, es reicht, wenn Sie weiter lesen.
Er verzog das Gesicht, mehr bewundernd als aus Schmerz.
„Wow, sie haben gute Reflexe. Schade, dass sie nicht so schnell denken, wie sie handeln. Sie haben einfach Glück, dass du Tôle so gute Beziehungen hat. Bei der Schicht, die morgen hier ist, wären sie sicher nicht über eine saftige Abreibung hinaus gekommen. Und in unserem Geschäft darf Glück keine Chance haben.“
Eigentlich hatte er Recht. Aber ich schoss folgenden ab, um ihm den Schnabel zu stopfen:
„…“
Ok, er hatte mich. Ich liess ihn nur langsam los, da dass im Moment meine einzige Handhabe war.
„… und jetzt?“
„Wir sind in Kontakt mit den Technikern der staatlichen Funkmonitore. Aber gestatten sie mir, dass ich sie an einen anderen Ort bringe. Ich denke, die Nacht in der Ausnüchterungszelle wäre nicht sehr erholsam ausgefallen.“
„Wem verdanke ich diese?“
„Wem wohl? Prosit!“
Wir unterschrieben einige Formulare und Laufzettel, ich erhielt meine Schnürsenkel und meinen Hosengurt wieder. Und ab die Post.
28.5.06
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